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72. Wie kann die Veränderungsbereitschaft und -fähigkeit von Eltern eingeschätzt werden?
Bei einer Kindeswohlgefährdung ist es für das Vorgehen von ASD-Fachkräften von hoher Bedeutung, inwieweit bei den Eltern eine Bereitschaft und Fähigkeit zur Abwehr vorhandener Gefahren für das Kindeswohl eher bejaht oder verneint werden muss.
Im Fall einer zumindest teilweise gegebenen Bereitschaft und Fähigkeit zur Gefahrenabwehr kann sehr viel leichter der Versuch unternommen werden, mittels freiwilliger Hilfen zur Erziehung den Schutz betroffener Kinder sicherzustellen. Im Fall einer nicht vorhandenen elterlichen Bereitschaft oder Fähigkeit zur Gefahrenabwehr wächst der staatlichen Gemeinschaft dagegen die unmittelbare Verantwortung für den Schutz betroffener Kinder zu. In Umsetzung dieser Verantwortung kann dann eine Bandbreite unterschiedlich intensiver Eingriffe in das Elternrecht erforderlich sein.1
Die Beurteilung der elterlichen Bereitschaft und Fähigkeit zur Gefahrenabwehr stellt eine der Einschätzungsaufgaben von Fachkräften in Gefährdungsfällen dar (vgl. Frage 59). Allerdings kann die Art und Weise, wie die elterliche Bereitschaft und Fähigkeit zur Gefahrenabwehr abgeklärt wird, die elterliche Haltung in Teilen beeinflussen.2 Deshalb muss bei der Einschätzung berücksichtigt werden, inwieweit es von Seiten der beteiligten Fachkräfte her gelungen ist, eine zur Kooperation und positiven Veränderung einladende Haltung einzunehmen (vgl. Frage 51).
Gefahrenabwehr und Stadien der Veränderung
Die Abwehr erkennbar vorhandener Gefahren für das Kindeswohl macht bei betroffenen Eltern in aller Regel Veränderungen im Wahrnehmen, Denken und Handeln erforderlich. Es ist daher möglich, sich bei Einschätzung der elterlichen Bereitschaft und Fähigkeit zur Gefahrenabwehr an umfassendere Modelle menschlicher Veränderungsprozesse anzulehnen. Ein weit verbreitetes Modell 3 unterscheidet mehrere Stadien der Veränderung: insbesondere ein als „Präkontemplation“ bezeichnetes Stadium, in dem relevante Probleme nicht oder nur kurzzeitig wahrgenommen werden und eine ernsthafte und konkrete Veränderungsabsicht nicht besteht. Unter äußerem Druck wird u.U. vorübergehend Veränderung gezeigt. Ein zweites Stadium der „Kontemplation“ zeichnet sich durch ein aufkommendes Problembewusstsein und eine gedankliche und gefühlsmäßige Auseinandersetzung mit Veränderungsmöglichkeiten aus, die aber noch nicht oder nur probeweise in die Tat umgesetzt werden. In einer weiteren Phase, dem „Handlungsstadium“ besteht eine ernsthafte Veränderungsabsicht, in deren Umsetzung Zeit und Kraft investiert wird. Im Stadium der „Aufrechterhaltung“ müssen erreichte Veränderungen im Alltag durchgehalten und u.U. periodisch neu bekräftigt werden.
Die Stadien der Veränderung werden als aufeinander aufbauend betrachtet, jedoch kann die Abfolge aufgrund von Rückfällen in alte Muster mehrfach durchlaufen werden. Verschiedene Umstände und Ressourcen (z.B. Selbstvertrauen, Hoffnung auf Erfolg, wahrgenommene Vorteile von Veränderung und Nachteile von Stillstand) haben sich als günstig für ein Fortschreiten im Veränderungsprozess erwiesen. Sind mehrere Veränderungen zur Gefahrenabwehr notwendig, können sich Elternteile in Bezug auf diese verschiedenen Veränderungsaufgaben in unterschiedlichen Stadien der Veränderung befinden.
Anhaltspunkte bei der Einschätzung (Zum Prüfbogen)
Eine Reihe von Punkten können zur Einschätzung der elterlichen Veränderungsbereitschaft und -fähigkeit herangezogen und zu einem Gesamtbild zusammengefasst werden:
Erhebliche Einschränkungen der Veränderungsbereitschaft bzw. -fähigkeit können sich darin äußern, dass Eltern in einem präkontemplativen Stadium verharren und dieses teilweise auch aggressiv nach außen verteidigen. In anderen Fällen kommt es zu einem unentschiedenen und halbherzigen Pendeln zwischen verschiedenen Phasen im Veränderungsprozess. Beide Muster lassen in Verbindung mit einer hohen Gefährdung betroffener Kinder erfolgreiche ambulante und freiwillige Hilfeprozesse wenig wahrscheinlich erscheinen. Sofern keine prinzipiellen Einschränkungen der Veränderungsfähigkeit vorliegen, kann ansonsten meist eine günstigere Prognose gestellt werden. Durch ihre Art der Gesprächsführung können Fachkräfte dabei die elterliche Veränderungsbereitschaft fördern und unterstützen. Empfohlen wird etwa eine teilweise Anpassung der Gesprächsführung an das von den Eltern erreichte Stadium der Veränderung 9 oder eine Übernahme einzelner Techniken aus dem Bereich der motivierenden Gesprächsführung.10
Anmerkungen
1 Mehrere Studien aus den Vereinigten Staaten und England weisen einer fehlenden elterlichen Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit der Jugendhilfe und dem Familiengericht bei der Gefahrenabwehr eine Schlüsselrolle für den Fallverlauf, insbesondere für die Notwendigkeit einer Fremdunterbringung von Kindern, zu (z.B. Holland 2000, Atkinson et al. 1996, Jellineck et al. 1992). Auch in Deutschland sieht die Praxis ähnlich aus (z.B. Münder et al. 2000 S. 188 ff.), wenngleich hier keine empirischen Studien vorliegen.
2 Beispielsweise stellt Mörsberger 2004c, S. 21 f., im „Saarbrücker Memorandum“ fest, bei einem ungünstigen Vorgehen könnten Veränderungsmöglichkeiten versperrt und Kooperationsbereitschaft verschüttet werden. Ein solches ungünstiges Verhalten könnte etwa in einer ausgeprägt vorwurfsvollen oder ablehnenden Herangehensweise einer Fachkraft an Eltern bestehen. Umgekehrt wird in der Regel angenommen, dass eine Hoffnung und Wertschätzung vermittelnde, angemessen sachliche Haltung von Fachkräften es Eltern erleichtert, Veränderungsbereitschaft zu entwickeln und zu zeigen. In der Fachdiskussion wird ein Zusammenhang zwischen der Haltung bzw. dem Auftreten von ASD-Fachkräften und der Kooperations- bzw. Veränderungsbereitschaft von Eltern in Gefährdungsfällen national und international (z.B. Holland 2004, DePanfilis / Salus 2003) weitgehend unstrittig angenommen. Mehrfach belegt ist ein Einfluss der Haltung von Fachkräften auf das Erleben betroffener Eltern in Gefährdungsfällen (z.B. de Boer / Coady 2003, Münder et al. 2000). Die Stärke des Einflusses verschiedener Aspekte des Verhaltens von Fachkräften auf die elterliche Veränderungsbereitschaft und -fähigkeit sowie auf den langfristigen Fallverlauf in Gefährdungsfällen scheint jedoch derzeit noch kaum geklärt (für Forschungsübersichten s. Holland 2004, Howe 1998, Dore 1996, Coady 1993). Im benachbarten Feld der Therapieforschung hat sich die Qualität der Therapiebeziehung allerdings als zumindest moderat einflussreich für den Therapieerfolg erwiesen (für Forschungsübersichten s. Horvath / Symonds 1991, Grawe et al. 1994), insbesondere wenn sie in den Dienst einer klaren Ziel- und Aufgabenorientierung gestellt wird.
3 Das Modell der Stadien der Veränderung wurde von Prochaska / DiClemente entwickelt (z.B. Prochaska et al. 1994, 1997) und stammt ursprünglich aus dem Bereich der Suchtbehandlung und des Gesundheitswesens. In anderen Feldern, etwa der Organisationsentwicklung (z.B. Levesque et al. 2001) oder der Jugendhilfe (z.B. McCurdy / Daro 2001), wurde es aufgegriffen. Anwendungen für die Arbeit mit Gefährdungsfällen wurden u.a. von Horwath / Morrison 2001, DePanfilis 2000 und Gelles 2000 formuliert. Kritische Anmerkungen stammen u.a. von Littell / Girvin 2002. Insbesondere scheint sich die Veränderungsbereitschaft nicht aufgrund einzelner Äußerungen oder Handlungen von KlientInnen einschätzen zu lassen, während von Fachkräften vorgenommene Gesamteinschätzungen aussagekräftiger scheinen (z.B. Scott 2004). In einer zweijährigen Längsschnittstichprobe (Children’s Research Center 1998) an Misshandlungs- und Vernachlässigungsfällen ging eine von der Fachkraft eingeschätzte fehlende Veränderungsbereitschaft mit einer Erhöhung der Häufigkeit neuer Gefährdungsmeldungen um den Faktor 1,4 bzw. 2,0 einher.
4 Der Begriff der erlernten Hilflosigkeit wurde vom amerikanischen Psychologen Seligman geprägt und bezeichnet einen Verlust von Handlungsinitiative und ein Gefühl fehlender Handlungsmöglichkeiten. Erlernte Hilflosigkeit kann entstehen, wenn Menschen im Verlauf ihrer Lebensgeschichte generell oder gegenüber einem spezifischen wichtigen Problem wiederholt Erfahrungen einer fehlenden Kontrollierbarkeit oder Beeinflussbarkeit machen. Unter Umständen wird diese Haltung dann auch fälschlich auf Situationen übertragen, in denen Handlungsmöglichkeiten bestehen.
5 Eine hervorragende Darstellung verschiedener Techniken der Kurzzeittherapie findet sich bei de Shazer 1990. Anwendungen in der ASD-Arbeit werden u.a. von Turnell / Edwards 1999 sowie von Berg / Kelly 2001 beschrieben. Eine generelle Forschungsübersicht über die Vorbereitungsarbeit mit KlientInnen findet sich bei Walitzer et al. 1999.
6 Z.B. Robinson / Whitney 1999, Essex et al. 1996; für eine zusammenfassende Diskussion s. Bentovim 2003.
9 Vorschläge hierzu finden sich u.a. bei DePanfilis / Salus 2003, S. 23. Empfohlen wird etwa, sich bei Eltern in einer präkontemplativen Phase zunächst auf das Problembewusstsein zu konzentrieren und nicht zu schnell Vorschläge auf der Handlungsebene zu machen. In einer kontemplativen Phase ist dagegen die Konzentration auf Vorteile von Veränderung und mögliche Folgen einer Beibehaltung des Status quo eher angemessen.
10 Das Konzept der motivierenden Gesprächsführung ist im Verlauf der 80er-Jahre im Bereich der Suchtberatung entstanden und beinhaltet einige Techniken zur Vermeidung unproduktiver Konflikte mit KlientInnen und zur Förderung der Veränderungsmotivation. Einige Prinzipien lassen sich unschwer in Beratungsprozesse im Rahmen der ASD-Fallbearbeitung integrieren, etwa die Entwicklung von Diskrepanzen und Zielen bei Eltern oder die Technik des Aufnehmens von Widerstand („roll with resistance“). Einen Überblick über das Konzept der motivierenden Gesprächsführung geben Miller / Rollnick 1999. Eine positive Bilanz des Forschungsstandes zur Wirksamkeit ziehen Burke et al. 2003.