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71. Wie kann die gegenwärtige Sicherheit eines Kindes eingeschätzt werden?
Die Fachkräfte des ASD haben eine Garantenpflicht gegenüber Minderjährigen und deren Sorge- bzw. Erziehungsberechtigten. Durch die strafrechtliche Verankerung wird diese Schutzaufgabe noch unterstrichen (vgl. Frage 37). Ein Mangel an übersichtlichen und praktikablen Verfahrensstrukturen erschwert den Fachkräften derzeit noch häufig eine fachgerechte Aufgabenerfüllung und schafft Unsicherheiten. Die gegenwärtige Diskussion um fachlich methodische Standards in der Arbeit mit Gefährdungsfällen führt allerdings zu Fortschritten. Um ihrer Schutzaufgabe gut nachkommen zu können, sind für die Fachkräfte im Einzelfall mehrere Einschätzungen (vgl. Frage 59) und Schritte in der Fallbearbeitung (vgl. Frage 44) erforderlich. Auch wenn es hierbei keine allgemein anerkannte oder gar verbindliche Einteilung gibt, lassen sich doch mehrere Phasen der Fallbearbeitung und Einschätzungsaufgaben beschreiben, die in der Literatur immer wieder angesprochen werden. Im Bereich der Einschätzaufgaben gehört hierzu die Einschätzung der gegenwärtigen Sicherheit eines Kindes.1
Einschätzung der gegenwärtigen Sicherheit eines Kindes: Konzept und Forschungsgrundlage
Die Aufgabe der Sicherheitseinschätzung stellt sich insbesondere in der Zeit zwischen der Kontaktaufnahme mit der Familie und dem Wirksamwerden eingeleiteter Hilfen – also im Verlauf des Kontaktaufbaus, der Informationssammlung und früher Phasen ambulanter Hilfe. Die Einschätzung besteht aus einer Reflexion der Frage, inwieweit betroffene Kinder zumindest bis zum nächsten Kontakt mit der Fachkraft in ihrer gegenwärtigen Umgebung vor unmittelbar erheblich schädigenden Gefahren geschützt sind.2 Nötig kann eine solche Einschätzung etwa am Ende eines Hausbesuchs werden oder bei einem von der Familie verursachten Terminausfall. Kann die gegenwärtige Sicherheit eines Kindes nicht als gegeben angesehen werden, ist die sofortige Einleitung von Maßnahmen3 zur Gewährleistung der Sicherheit eines Kindes notwendig.
Die Forschungsgrundlage für die bei einer Sicherheitseinschätzung zu berücksichtigenden Faktoren leitet sich im Wesentlichen aus zwei Quellen ab:
Verglichen mit der Prognose von Misshandlungs- bzw. Vernachlässigungsrisiken über mittlere Zeiträume (vgl. Frage 70) liegen zur Aussagekraft der eher kurzfristigen Sicherheitseinschätzungen deutlich weniger Befunde vor. Eine erhebliche Verringerung der Fälle mit wiederholt auftretenden akuten Gefährdungen konnte aber in zumindest einer groß angelegten Studie demonstriert werden, nachdem ein neu eingeführtes Instrument zur Sicherheitseinschätzung als Handlungsgrundlage verwendet wurde.6 Da aber übereinstimmende Befunde aus den Jugendhilfesystemen mehrerer Staaten noch ausstehen, ebenso differenzierende Untersuchungen an verschiedenen ethnischen Gruppen, muss die Übertragbarkeit der Befunde in den deutschen Kontext als ungesichert angesehen werden.
Faktoren bei der Einschätzung der gegenwärtigen Sicherheit eines Kindes (Zum Prüfbogen)
Gegenwärtig im internationalen Raum eingesetzte Instrumente zur Sicherheitseinschätzung beruhen wesentlich auf einigen wenigen Vorläufern,7 die zunehmend auch an Jugendhilfesysteme außerhalb der Vereinigten Staaten angepasst wurden.8 Die in Deutschland überwiegend in Selbsthilfe der Jugendhilfepraxis entwickelten Instrumente zur Risikoeinschätzung legen ihren Schwerpunkt vielfach auf den Bereich der Sicherheitseinschätzung. Aufgrund der tendenziellen Selbstisolation der deutschen Diskussion scheinen internationale Entwicklungen dabei allerdings weniger rezipiert worden zu sein. Dennoch bestehen in den berücksichtigten Faktoren viele Übereinstimmungen zwischen Instrumenten, die in der bundesdeutschen Jugendhilfepraxis entworfen wurden, und Instrumenten aus dem internationalen Raum. Dies gilt vor allem für folgende Faktoren:
In all diesen Fällen steigt die Dringlichkeit von Maßnahmen, die die Sicherheit des Kindes erhöhen, wenn das Kind aufgrund seines Alters oder Entwicklungsstandes in hohem Maße auf elterliche Fürsorge angewiesen ist oder in der Vergangenheit bereits Kindeswohlgefährdungen in der Familie aufgetreten sind.
Wie bei allen Einschätzungsaufgaben führt eine Gesamtbetrachtung der Situation häufiger zu zutreffenden Einschätzungen als die isolierte Betrachtung einzelner Faktoren. Wie bei der ersten Gefährdungseinschätzung nach Eingang einer Gefährdungsmeldung (vgl. Frage 48) zeichnet sich die Einschätzung der gegenwärtigen Sicherheit eines Kindes aber dadurch aus, dass bereits das Vorliegen eines einzelnen Risikofaktors ausschlaggebend für die Einschätzung einer gegenwärtig erheblich bedrohten Sicherheit eines Kindes sein kann.
Weiterführende Literatur
Holder W. & Morton T.D. (1999). Designing a comprehensive approach to child
safety.
Kinderschutz-Zentrum Berlin (2000). Kindesmisshandlung. Erkennen und Helfen. Berlin: Kinderschutz-Zentrum Berlin.
Reder P. & Duncan S. (1999). Lost Innocents. A follow-up study of fatal
child abuse.
Anmerkungen
1 Das im Deutschen mit verschiedenen Bedeutungen ausgestattete Wort „Sicherheit“ wird hier im Sinn eines Geschütztseins vor bestimmten Gefahren, nämlich Gefahren durch Misshandlung, Vernachlässigung oder Missbrauch verwendet. In der angloamerikanischen Literatur erscheint der Begriff der Sicherheitseinschätzung („safety assessment“) in den 70er-Jahren, und zwar im Zuge der Diskussion um Kriterien einer Inobhutnahme und Fremdunterbringung von Kindern (für eine Zusammenfassung früher Diskussionsbeiträge s. DePanfilis / Scannapieco 1994). In der weiteren Entwicklung wurde von Sicherheitseinschätzungen in mindestens zwei unterschiedlichen Bedeutungen gesprochen: zum einen als Begriff anstelle des Konzeptes der Risikoeinschätzung, zum anderen als Teil eines umfassenden Konzeptes der Risikoeinschätzung und des Risikomanagements in der Kinderschutzarbeit. In seiner Bedeutung in Abgrenzung zum Konzept der Risikoeinschätzung sollte der Begriff der Sicherheitseinschätzung eine stärkere Konzentration der Kinderschutzarbeit auf die gegenwärtige Situation in einer Familie und eine stärkere Beschränkung auf unmittelbare Gefahren für das Kindeswohl kennzeichnen im Verhältnis zu Modellen der Risikoeinschätzung, die durchgängig wesentliche Informationen aus der Vorgeschichte eines Falls ziehen und chronische Gefährdungsprozesse als potenziell ebenso schädigend ansehen wie unmittelbare Gefahren für das Kindeswohl (für eine vertiefende Diskussion s. Rycus / Hughes 2003). Als Teil eines umfassenden Konzeptes der Risikoeinschätzung und des Risikomanagements kennzeichnet der Begriff der Sicherheitseinschätzung denjenigen Teil im Einschätzungsprozess, der sich mit der Wahrscheinlichkeit einer akut auftretenden Schädigung eines Kindes noch im Verlauf der Sondierungsphase oder während einer frühen Phase im Hilfeprozess beschäftigt. Dieses Verständnis des Begriffs der Sicherheitseinschätzung liegt vorliegendem Beitrag zugrunde.
2 Dieses Verständnis des Begriffs der Sicherheitseinschätzung geht wesentlich auf Holder zurück, der zusammen mit Morton 1999 auch eine wesentliche Forschungsübersicht zum Thema veröffentlichte.
3 Maßnahmen zur Gewährleistung der Sicherheit eines Kindes können von einer Verdichtung der Kontakte mit der Familie (durch Hausbesuche, Anrufe, SMS-Botschaften, Briefe, Karten etc.) über das Knüpfen und die Einbeziehung eines verlässlichen Hilfenetzes um die Familie herum bis hin zu einer zeitweiligen Herausnahme eines Kindes reichen (vgl. Frage 84).
4 Eine solche Analyse wurde beispielsweise von Wagner et al. 1999 im Rahmen der Untersuchung der Aussagekraft eines Instruments zur Sicherheitseinschätzung im amerikanischen Bundesstaat Michigan vorgelegt.
5 Ein Beispiel für diesen Forschungsansatz stellen die von Reder / Duncan 1995 und 1999 auf der Grundlage englischen Fallmaterials vorgelegten Analysen von Todesfällen in der Kinderschutzarbeit dar.
6 Mittlerweile über sechs Jahre hinweg vorliegende Daten nach der Einführung eines Instruments zur Einschätzung der gegenwärtigen Sicherheit eines Kindes bei den Eltern zeigen im amerikanischen Bundesstaat Illinois, dass sowohl ein Rückgang wiederholt auftretender Kindeswohlgefährdungen als auch ein Sinken des Anteils an Kindern, die kurzfristig fremduntergebracht werden mussten, erreicht werden konnte (Fluke et al. 2001, Garnier / Nieto 2002).
7 Als besonders einflussreich hat sich das Instrument zur Sicherheitseinschätzung des Staates New York erwiesen (Salovitz 1993).
8 Ein Beispiel hierfür ist etwa das Instrument zur Einschätzung der gegenwärtigen Sicherheit eines Kindes in der kanadischen Provinz Ontario (Ministry of Community and Social Services 2000), dessen Einführung im Kontext eines strukturierten Risikoeinschätzungssystems wissenschaftlich in sehr qualifizierter Form begleitet wurde (Trocme et al. 1999).
9 S. etwa Zeiträume bis zum Auftreten eines u.U. lebensbedrohlichen Flüssigkeitsmangels bei Säuglingen und Kleinkindern (vgl. Frage 63).