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64. Wie kann der Bindungsaspekt elterlicher Erziehungsfähigkeit eingeschätzt werden?

Heinz Kindler / Peter Zimmermann

 

Bindungen bezeichnen den Vertrauensaspekt der Eltern-Kind-Beziehung1 und haben die gemeinsame Regulation2 emotionaler Belastung beim Kind zum Thema. Für Kinder stellen Bindungen daher ein Kernelement ihres Erlebens von emotionaler Sicherheit dar. Bindungen entfalten sich von Seiten des Kindes her ab der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres;3 d.h. ab diesem Alter richten Kinder ihr Verhalten bei emotionaler Belastung zunehmend auf besonders vertraute Personen hin aus, bei denen sie Geborgenheit und emotionale Unterstützung suchen. Die Erfahrungen mit der jeweiligen Bindungsperson entscheiden über die Qualität dieser Bindungsbeziehung.4 Bindungsqualitäten bezeichnen unterscheidbare und relativ stabile Muster bei der sozialen Bewältigung kindlicher emotionaler Belastung.5 Bei Kindern, die in das Blickfeld der Kinder- und Jugendhilfe geraten, sind vielfach aber auch Formen der Bindungsdesorganisation bzw. ihre Nachwirkungen,6 kindliche Reaktionen auf Trennungen von Bindungspersonen7 und in seltenen Fällen auch psychiatrisch relevante Bindungsstörungen8 vorfindbar. Generell finden die Bindungserfahrungen von Kindern ihren Niederschlag in inneren Beziehungsmodellen und üben von dort einen Einfluss auf die Bewältigungsund Beziehungsfähigkeiten aus.9 Auf Seiten der Bindungspersonen hängt die Fähigkeit zum feinfühligen Eingehen auf kindliche Signale u.a. von der psychischen Gesundheit,10 der Verarbeitung der eigenen Bindungsgeschichte,11 dem Bild des Kindes 12 und der Unterstützung bzw. Belastung durch das soziale Umfeld 13 ab.

 

Bindung und Erziehungsfähigkeit

In manchen Fällen kommt es ohne Zutun oder sogar gegen den Widerstand der Eltern zu Beeinträchtigungen der kindlichen Bindungsentwicklung. Dies kann etwa bei manchen psychischen Erkrankungen eines Kindes (z.B. Störungen aus dem autistischen Spektrum), bei einer ungerechtfertigten Herausnahme aus der Familie (vgl. Frage 46) oder bei längeren Klinikaufenthalten aufgrund einer schweren kindlichen Erkrankung der Fall sein. Ein Rückschluss auf eine Einschränkung der elterlichen Erziehungsfähigkeit ist dann nicht möglich. In der Mehrzahl aller Fälle spiegelt die Bindungsentwicklung eines Kindes aber in wesentlichen Teilen die vom Kind erlebte Fürsorge durch die Eltern wider, sodass bedeutsame Beeinträchtigungen der Bindungsentwicklung Fragen hinsichtlich der elterlichen Erziehungsfähigkeit aufwerfen.14

In einer weiteren Gruppe von Fällen stellt sich die Frage nach dem Bindungsaspekt der elterlichen Erziehungsfähigkeit aufgrund erkennbarer Erkrankungen oder Belastungen bei den Eltern – und zwar u.U. bereits bevor ein betroffenes Kind das zum Aufbau von Bindungen erforderliche Alter erreicht hat. Entsprechend dem Konzept der Erziehungsfähigkeit (vgl. Frage 62) reicht eine bei den Eltern gestellte medizinische Diagnose in der Regel nicht aus, um eine Beschreibung der Erziehungsfähigkeit ableiten zu können.15 Für die Feststellung einer eventuellen Einschränkung der Erziehungsfähigkeit ist es unerheblich, ob sich eine Einschränkung aus Ursachen ergibt, die der Selbstbestimmung der Eltern zugänglich oder weitgehend entzogen sind (z.B. schwere psychische Erkrankung).

In einer letzten Fallkategorie ergibt sich die Frage nach dem Bindungsaspekt der elterlichen Erziehungsfähigkeit sekundär infolge der Ablehnung eines Kindes aufgrund von Behinderung, Verhaltensstörung oder anderen Merkmalen.16 Bei einer Einschätzung des Bindungsaspektes der elterlichen Erziehungsfähigkeit geht es nicht nur um mögliche Einschränkungen. Auch feststellbar positive Fähigkeiten der Eltern in diesem Bereich können für den Fallverlauf von Bedeutung sein, da sie eine grundlegende Stärke und einen Ansatzpunkt für Motivationsarbeit und Veränderungsprozesse offenbaren. Entsprechend der Bedeutung des Bindungsaspektes für die Entwicklung der Persönlichkeit und Beziehungsfähigkeit wird die elterliche Fähigkeit zur Übernahme einer Rolle als Bindungsperson weitgehend übereinstimmend als grundlegender Aspekt der Erziehungsfähigkeit angesehen.17

 

Vorgehen bei der Einschätzung (zum Prüfbogen)

Einschätzungen gewinnen in der Regel an Zuverlässigkeit, wenn mehrere Indikatoren herangezogen werden. Im Hinblick auf die Einschätzung des Bindungsaspektes der Erziehungsfähigkeit werden in der Literatur 18 insbesondere sieben Indikatoren genannt.

Für mehrere der aufgeführten Indikatoren liegen strukturierte Instrumente vor, die als Anregung und Hilfestellung bei der Erhebung dienen können.22 Gemeinsame Hausbesuche und Fallbesprechungen mit erfahrenen Einschätzern in einer Trainingsphase sind für die Qualität der Einschätzung von großer Bedeutung. Nicht in jedem Fall können alle Indikatoren angewendet werden. Muss die Einschätzung beispielsweise bereits kurz nach der Geburt eines Kindes vorgenommen werden, so kann das Verhalten des Kindes in bindungsrelevanten Situationen natürlich nicht einbezogen werden. Die Zusammenfassung und Gewichtung der erhobenen Informationen erfordert eine Beachtung des Kontexts, insbesondere der beim konkret betroffenen Kind vorhandenen Bindungsbedürfnisse.23 Ein einheitliches, weit verbreitetes Raster für die Zusammenfassung der erhobenen Informationen ist nicht erkennbar. In Anlehnung an Steinhauer (1991) können drei Kategorien unterschieden werden:

  1. bislang weitgehend positive Bindungsentwicklung des Kindes und keine gravierenden Einschränkungen der Erziehungsfähigkeit in diesem Bereich erkennbar;
  2. auf die Gegenwart beschränkte gravierende Einschränkung im Hinblick auf den Bindungsaspekt der Erziehungsfähigkeit vor dem Hintergrund einer ansonsten bislang weitgehend positiven Bindungsentwicklung des Kindes;
  3. chronische gravierende Einschränkung der Erziehungsfähigkeit im Bindungsbereich, die die Bindungsentwicklung des Kindes bereits erkennbar massiv belastet hat. In schwierigen Fällen kann es sinnvoll sein, zur Einschätzung psychologische oder kinderpsychiatrische Fachkräfte mit vertieften Kenntnissen im Bereich der Bindungsdiagnostik hinzuzuziehen.

 

Weiterführende Literatur

Brisch K.H. (1999). Bindungsstörungen. Von der Bindungstheorie zur Therapie. Stuttgart: Klett-Cotta.

Lyons-Ruth, K. & Jacobvitz D. (1999). Attachment Disorganisation: Unresolved Loss, Relational Violence, and Lapses in Behavioral and Attentional Strategies. In In J. Cassidy & P.R. Shaver (Eds.), Handbook of Attachment. Theory, Research, and Clinical Applications. New York: The Guilford Press, 520-554.

Steinhauer, P.D. (1991). The Least Detrimental Alternative. A Systematic Guide to Case Planning and Decision Making for Children in Care. Toronto: University of Toronto Press. 

 

Anmerkungen

1 Einführungen in die Bindungstheorie und Bindungsforschung finden sich u.a. bei Grossmann et al. 2003 sowie Spangler / Zimmermann 2002. Eine speziell auf die Bedürfnisse der Sozialen Arbeit zugeschnittene Einführung existiert bislang nur in englischer Sprache (Howe 1995), ausgewählte Aspekte werden für Deutschland aber u.a. von Unzner 1999 und Krappmann 2001 erörtert. Einen vertiefenden Überblick über den Forschungsstand bieten die Handbücher von Ahnert 2004, Cassidy / Shaver 1999 sowie Grossmann / Grossmann 2004. Der dabei durchgängig angesprochene psychologische Bindungsbegriff fällt mit dem umfassenderen juristischen Begriff der Bindung allerdings nicht gänzlich zusammen (für eine genauere Erläuterung s. Schwabe-Höllein et al. 2001).

2 Das Konzept der Regulation umfasst zunächst und grundlegend die gemeinsamen situativen Bewältigungsbemühungen von Kind und Bindungsperson bei einer eingetretenen emotionalen Belastung des Kindes, wobei der relative Anteil beider Partner sich in der Regel altersabhängig in Richtung auf eine zunehmende Selbstregulation des Kindes verschiebt. Entsprechend dem von Bowlby 1975 formulierten Konzept der wechselseitig zielkorrigierten Partnerschaft als fortgeschrittene Phase im Entfaltungsprozess von Bindungen gewinnt zudem allmählich auch die vorausschauende und nachbereitende Klärung bindungsrelevanter Situationen an Bedeutung für die emotionale Sicherheit eines Kindes.

3 Der Zeitpunkt des Einsetzens von Bindungsprozessen ist für das kindliche Erleben einer Fremdunterbringung im ersten Lebensjahr von konkreter Bedeutung. So fanden beispielsweise Dozier et al. 2002 bei Kindern, die nach dem achten Lebensmonat in Pflegefamilien untergebracht wurden, Belastungen des Bindungsaufbaus in der neuen Umgebung, die bei jüngeren Kindern nicht auftraten. Trotz der allgemein anerkannten Forderung nach einer Berücksichtigung des kindlichen Zeitempfindens bei der Verfahrensgestaltung (Heilmann 1998) ist eine konkrete Berücksichtigung der Bindungsbedürfnisse sehr kleiner Kinder in Form einer Prioritätensetzung und beschleunigten Bearbeitung solcher Fälle in Deutschland noch keineswegs die Regel.

4 Die in Anlehnung an psychoanalytisches Gedankengut in der Frühphase der Bindungsforschung geäußerte Vermutung, Kinder würden in den ersten Lebensjahren im Wesentlichen nur zu einer Person eine Bindung aufbauen, hat sich empirisch nicht bestätigt. Vielmehr wurden am Ende des ersten Lebensjahres regelmäßig Bindungen an weitere Personen, etwa Väter (für eine Forschungsübersicht s. Kindler / Grossmann 2004), gefunden. Die verschiedenen Bindungen eines Kindes haben sich in ihrer Qualität als weitgehend unabhängig voneinander erwiesen und scheinen vor allem auf den Erfahrungen des Kindes mit der jeweiligen Bindungsperson zu beruhen (für eine Forschungsübersicht s. Howes 1999).

5 Bindungsqualitäten wurden erstmals von Ainsworth (z.B. Ainsworth et al.1978) unterschieden, die mit der sog. „Fremde-Situation“ ein in der Forschung etabliertes Verfahren zur Einschätzung der Qualität von Bindungsbeziehungen ab dem Ende des ersten Lebensjahres entwickelte. Sie beschrieb sichere, unsicher-vermeidende und unsicher-ambivalente Bindungsqualitäten. Wurde kindliches Verhalten gegenüber einer Bindungsperson als Indikator für die Bindungsqualität verwendet, so waren sichere Bindungen durch den offenen Ausdruck von Belastung gegenüber der Bindungsperson gekennzeichnet, die als Quelle von Sicherheit genutzt werden konnte, sodass sich das Kind wieder dem Spiel oder der Exploration zuwenden konnte. Im Rahmen unsicher-vermeidender Bindungsbeziehungen wurde eine Kommunikation vorhandener emotionaler Belastung gegenüber der Bindungsperson eher vermieden, aber ohne wirkliche Beruhigung des Kindes, während bei unsicher-ambivalenter Bindungsqualität sehr massive Belastungssignale vom Kind ausgesandt wurden, der Kontakt zur Bindungsperson aber kaum als erkennbare Quelle der Beruhigung dienen konnte. Die beobachtbar unterschiedlichen Verhaltensstrategien von Kindern gegenüber Bindungspersonen bei emotionaler Belastung werden als kindliche Anpassung an Tendenzen im Fürsorgeverhalten der jeweiligen Bindungsperson verstanden. So wird durch ein feinfühliges Wahrnehmen und Eingehen auf Signale des Kindes eine sichere Bindung gefördert. Unsicher-vermeidend gebundene Kinder erleben seitens der betreffenden Bindungsperson hingegen häufiger ein einmischendes und bei Belastung teilweise ablehnendes Verhalten. Unsicher-ambivalent gebundene Kinder neigen schließlich vor dem Hintergrund einer wechselhaften Aufmerksamkeit und Feinfühligkeit der Bindungsperson zu sehr betonten Belastungssignalen ihr gegenüber (für eine Forschungsübersicht s. Weinfield et al. 1999). In einer stabilen familiären Umgebung neigen Muster von Bindung und elterlicher Fürsorge zur Kontinuität, obwohl auf der Ebene einzelner Verhaltensweisen tief greifende altersabhängige Veränderungen beobachtbar sind (für eine Forschungsübersicht s. Grossmann et al. 1999). Einmal etablierte Bindungsmuster sind aber keinesfalls unveränderlich, wie erhöhte Raten an sicher gebundenen Kindern nach Interventionen der Jugendhilfe (für eine Forschungsübersicht s. Bakermans-Kranenburg et al. 2002) ebenso zeigen wie erhöhte Raten an unsicher gebundenen Kindern nach belastenden Familienereignissen (z.B. Weinfield et al. 2004).

6 Desorganisation in Bindungsbeziehungen wurde erstmals von Main / Solomon 1986 beschrieben und zeichnet sich durch Widersprüchlichkeit oder Anzeichen von Verwirrung bzw. Angst im kindlichen Verhalten gegenüber einer Bindungsperson aus (für Forschungsübersichten s. Solomon/George 1999, Van Ijzendoorn et al. 1999, Lyons-Ruth / Jacobvitz 1999). Diese Verhaltensweisen werden als Ausdruck eines für Kleinkinder unlösbaren Konfliktes gedeutet, der entsteht, wenn sich Kinder bei Belastung auf eine Bindungsperson hin orientieren, diese jedoch aufgrund der Beziehungsgeschichte für das Kind keine Quelle von Sicherheit darstellt, sondern eher zusätzlich Belastung und Furcht auslöst. Entsprechend finden sich sehr hohe bis hohe Raten an Bindungsdesorganisation bei Kindern nach Misshandlungen, Partnerschaftsgewalt, Sucht oder schweren psychischen Erkrankungen der Bindungsperson (z.B. Carlson et al. 1989, Zeanah et al. 1999, O’Connor et al. 1987, Teti 2000). Da der Aufbau mindestens einer organisierten, möglichst sicheren Bindungsbeziehung zu den wesentlichen Entwicklungsaufgaben eines Kindes in den ersten Lebensjahren zählt, wurde eine desorganisierte Bindungsbeziehung zur Hauptbetreuungsperson in den ersten Lebensjahren als ernsthafter Risikofaktor für die gesunde Persönlichkeitsentwicklung eines Kindes interpretiert (z.B. Zeanah et al. 2003). Tatsächlich zeigen mehr als ein Dutzend mittlerweile vorliegende Studien deutliche Zusammenhänge zu Verhaltensauffälligkeiten in der mittleren Kindheit (für eine Forschungsübersicht s. Van Ijzendoorn et al. 1999), die in einzelnen Studien bis ins Jugendalter hinein verfolgt werden konnten (Carlson 1998). In ihrer Stärke übertreffen diese Befunde deutlich die Zusammenhänge, die zwischen organisierten, aber unsicheren Bindungsbeziehungen und nachfolgenden klinisch relevanten Beeinträchtigungen der Entwicklung gefunden wurden (für eine Forschungsübersicht s. Greenberg 1999). Bindungsdesorganisation wird daher als Anzeichen der erhöhten Verwundbarkeit eines Kindes in seiner Entwicklung angesehen (z.B. Green / Goldwyn 2002), für sich genommen aber nicht als kinderpsychiatrisch behandlungsbedürftige Störung eingestuft, da bei den gegenwärtigen Einstufungsverfahren das Ausmaß an Desorganisation nicht erfasst werden kann und für die gesamte Kategorie gravierende negative Entwicklungsfolgen nicht mit der erforderlichen Gewissheit eintreten (z.B. Zeanah et al. 2003). Im Verhalten gegenüber der Bindungsperson mündet eine frühkindliche Desorganisation häufig in kontrollierende Verhaltensmuster, d.h. betroffene Kinder versuchen in Form einer Rollenumkehr Verantwortung für die Bindungsperson zu übernehmen und auf diese Weise emotionale Sicherheit zu erlangen.

7 Auf Trennungen von ihren wichtigsten Bindungspersonen reagieren Kinder grob mit einer Abfolge von Protest, Verzweiflung und Ablösung (Bowlby 1976), wobei die auslösenden Bedingungen (z.B. Dauer der Trennung) stark vom Alter des Kindes abhängen. Wenngleich die langfristig schädlichen Folgen früher Trennungserfahrungen nicht das anfänglich (Bowlby 1951) befürchtete Ausmaß zu erreichen scheinen, stellen sie doch einen beachtenswerten Risiko- und Belastungsfaktor dar (für eine Forschungsübersicht s. Schaffer 2000). Wiederholte und / oder unbewältigte Trennungserfahrungen können etwa zu Verhaltensauffälligkeiten von Kindern beitragen (z.B. Schleiffer / Müller 2002a, Kobak et al. 2001) und bei einer Fremdunterbringung den Aufbau neuer Bindungen massiv erschweren (z.B. Steinhauer 1991). Über den Schutz des Elternrechtes hinaus wird der Bewahrung einmal aufgebauter Bindungen daher, auch bei Fremdunterbringung, in den Jugendhilfesystemen fast aller westlicher Demokratien, einschließlich Deutschlands, hohe Bedeutung zugemessen.

8 Als Bindungsstörungen werden anhand kinderpsychiatrisch definierter Kriterien bestimmbare Beeinträchtigungen der Bindungsentwicklung von Kindern bezeichnet, die geeignet sind, die Befindlichkeit und / oder Entwicklung eines Kindes nachhaltig zu beinträchtigen, und die daher behandlungsbedürftig sind (für Forschungsübersichten s. O’Connor 2002, Zeanah / Boris 2000, Brisch 1999). Die Diagnose kann nur von kinderpsychiatrischer Seite aus erfolgen. Für die Jugendhilfe können aber das Erkennen von Hinweisen und die Veranlassung zur Abklärung bedeutsam sein. Gegenwärtig werden vor allem zwei Unterformen (reaktive Bindungsstörung und Bindungsstörung mit Enthemmung) unterschieden, die sich durch eine sehr gehemmte Bindungsbereitschaft bzw. eine ausgeprägte Distanzlosigkeit und unterschiedslose Kontaktbereitschaft gegenüber vertrauten und unvertrauten Erwachsenen auszeichnen. Weitere Formen befinden sich in der Diskussion (Zeanah / Boris 2000). Über die Ätiologie von Bindungsstörungen ist noch wenig bekannt, jedoch zeigen in der frühen Kindheit massiv vernachlässigte oder misshandelte Kinder zu einem hohen Prozentsatz Bindungsstörungen (z.B. Boris et al. 2004, O’Connor et al. 2003), die teilweise auch mehrere Jahre nach einer Unterbringung in einer Pflegestelle noch fortbestehen. Übersichten zu Behandlungsmöglichkeiten und Falldarstellungen finden sich u.a. bei O’Connor / Zeanah 2003 und Brisch 1999.

9 In Langzeitstudien konnten beispielsweise Einflüsse kindlicher Bindungserfahrungen auf die Gestaltung von Partnerschaften im jungen Erwachsenenalter (z.B. Grossmann et al. 2002) und auf die Qualität der elterlichen Fürsorge für die Kinder der nächsten Generation in deren ersten Lebensjahren (z.B. Levy 1999) belegt werden.

10 Für eine Forschungsübersicht s. Atkinson et al. 2000.

11 Für eine Forschungsübersicht s. Van Ijzendoorn 1995.

12 Für eine Forschungsübersicht s. George / Solomon 1999.

13 Für eine Forschungsübersicht s. Belsky 1999.

14 Z.B. Baker 2003, Seagull 2002.

15 Für eine Forschungsübersicht im Hinblick auf psychische Erkrankungen s. Benjet et al. 2003.

16 Belastungen der Bindungssituation von chronisch kranken, behinderten oder verhaltensauffälligen Kindern und elterliche Gefühle der Ablehnung gegenüber Kindern, die ihren Erwartungen nicht entsprechen, werden etwa von Patterson 1986, Greenberg et al. 1993 und Raine et al. 1997 thematisiert.

17 Für eine Übersicht s. Teti / Candelaria 2002.

18 Z.B. Steinhauer et al. 1995, Department of Health 2000, Howe 2001, Schwabe-Höllein et al. 2001.

19 Das Konzept der Feinfühligkeit bezeichnet in einem engeren Sinne die Fähigkeit einer Bindungsperson, Signale des Kindes zu erkennen, richtig zu interpretieren und prompt sowie angemessen zu beantworten. In einem weiteren Sinne stellt Feinfühligkeit einen Oberbegriff für bindungsrelevante Qualitätsmerkmale elterlichen Interaktionsverhaltens dar, die von der Qualität der Reaktion auf kindliche Signale über die Angemessenheit von elterlichen Initiativen und Anleitung bis hin zum Unterlassen aktiv belastender Verhaltensweisen reichen (für Forschungsübersichten s. Thompson 1998, de Wolff / Van Ijzendoorn 1997 und Kindler 2002).

20 Z.B. Werner 2001.

21 Forschungsübersichten und Erfahrungsberichte zu geeigneten Vorgehensweisen in der Jugendhilfe bei Interventionen zur Förderung stabiler und positiver Eltern-Kind-Bindungen finden sich etwa bei Ziegenhain et al. 2004 und Bakermans-Kraneburg et al. 2002.

22 Z.B. „Disturbances of Attachment Interview“ (Smyke / Zeanah 1999) für den Bereich kindlichen Bindungsverhaltens, Beobachtungsskalen zur Feinfühligkeit (Ainsworth 1977) für die Qualität des elterlichen Fürsorgeverhaltens in der frühen Kindheit oder das „Parent Perception Interview“ (Zeanah / Benoit 1995) für den Aspekt der geäußerten Haltung gegenüber dem Kind und der eigenen Fürsorgerolle. Vertiefende methodische Erörterungen finden sich u.a. bei Boris et al. 1997, Schwabe-Höllein et al. 2001 und O’Connor / Zeanah 2003. Nahezu alle darin angeführten Methoden wurden allerdings außerhalb der Sozialen Arbeit, meist in der Entwicklungspsychologie oder Kinder- und Jugendpsychiatrie, entwickelt. Ein einfacher Übertrag in die Arbeit des ASD ist nicht möglich, die genannten Verfahren können nur als Hilfe und Anregung verwendet werden.

23 Ein Bedürfnis nach Bindungen besteht lebenslang. Die Art und Häufigkeit bindungsrelevanter Situationen ist jedoch ebenso altersabhängigen Veränderungen unterworfen wie der Modus der Bewältigung solcher Situationen. Mit älteren Kindern können bindungsrelevante Situationen etwa eher vor-und nachbesprochen werden, zudem können von den betroffenen Kindern in solchen Situationen u.U. unterstützende Erinnerungen und innere Bilder aktiviert werden. Innerhalb jeder Altersgruppe bestehen Unterschiede – zudem aufgrund unterschiedlicher Vorerfahrungen. So ist es etwa häufig der Fall, dass Kinder nach Trennungserfahrungen zeitweise ein hohes Bedürfnis nach der Nähe und Verfügbarkeit ihrer Bindungspersonen verspüren.