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61. Wie können Ressourcen und Stärken bei Kindern erhoben werden?

Heinz Kindler

 

Was ist unter Ressourcen bzw. Stärken zu verstehen?

Die Definitionen der Begriffe „Ressource“ und „Stärke“ gleichen sich weitgehend. So versteht etwa Hobfoll (2002) unter Ressourcen alles, was Menschen in ihrer Lebensgestaltung schätzen oder für die Bewältigung des Lebens sowie das Erreichen von Wohlbefinden und Zielen einsetzen können. Ähnlich beschreiben Epstein und Sharma (1998) Stärken als Fähigkeiten und Merkmale, die zu einem Gefühl persönlicher Leistung, befriedigenden Beziehungen und positiver Bewältigungsfähigkeit beitragen und eine positive persönliche, soziale und geistige Entwicklung fördern. Ein Unterschied im Wortgebrauch zeigt sich allerdings: Während von Stärken eher im Hinblick auf Eigenschaften von Personen oder engen Beziehungen gesprochen wird, bezieht der Begriff der Ressource das erweiterte Umfeld, also etwa auch materielle Umstände, mit ein.

Klemenz (2003) unterscheidet grundlegend zwischen Personen- und Umweltressourcen von Kindern. Zu den Personenressourcen zählt er körperliche Stärken (z.B. Gesundheit, körperliche Leistungsfähigkeit und Attraktivität) sowie psychische Stärken (z.B. Begabungen und Interessen). Zum Bereich der Umweltressourcen zählt er soziale (z.B. positive Beziehungen innerhalb und außerhalb der Familie), ökonomische (z.B. verfügbares Einkommen) und ökologische Ressourcen (z.B. eigenes Zimmer, Spielmöglichkeiten außerhalb der Wohnung).

Einige Ressourcen von Kindern werden in hohem Maß durch die Ressourcen der Eltern bestimmt, etwa die ökonomischen und ökologischen Ressourcen. Daher bestehen bei der Erhebung kindlicher Ressourcen Überschneidungen zur Analyse elterlicher bzw. familiärer Ressourcen (vgl. Frage 67).

 

Bedeutung kindlicher Ressourcen und Stärken in Gefährdungsfällen

Im Kontext von Gefährdungsfällen über Ressourcen bzw. Stärken von Kindern zu sprechen, kann aus zweierlei Gründen problematisch sein. Zum einen gilt es, den Eindruck zu vermeiden, es sollten Kinder bestimmt werden, die Gefährdungserlebnisse leichter verkraften könnten und daher weniger Schutz benötigen würden als andere Kinder. Ein solcher Gedanke wäre nicht nur ethisch untragbar, da Gefährdungserlebnisse, wie etwa Misshandlung oder Missbrauch, stets Grundrechte von Kindern verletzen, sondern auch empirisch nicht begründbar, da sich nach gegenwärtigem Wissenstand nur eine sehr kleine Minderheit der Kinder, die ohne Intervention unter chronisch kindeswohlgefährdenden Bedingungen aufwachsen müssen, insgesamt positiv entwickeln kann,1 wenngleich im Ausmaß der Schädigung natürlich Unterschiede zwischen den betroffenen Kindern bestehen. Zum anderen ist zu bedenken, dass Merkmale von Kindern, die als Anpassung an Gefährdungsbedingungen angesehen werden können und die unter diesen Umständen eine „Stärke“ darstellen, unter verbesserten Umständen zu einer schweren Belastung werden können. Als Beispiel hierfür sei auf das Misstrauen und Kontrollbedürfnis verwiesen, das bei psychisch misshandelten Kindern wiederholt beschrieben wurde und das im Kontext psychischer Misshandlung durch einen Elternteil insofern als sinnvoll anzusehen ist, als sich das Kind hierdurch vor immer neuen Enttäuschungen und psychischen Verletzungen wenigstens teilweise schützen kann. Nach der Unterbringung in einer Pflegefamilie, so hat sich gezeigt,2 ist es aber genau diese fehlende Bereitschaft und Fähigkeit zum Vertrauen, die den Aufbau von Bindungen an die Pflegeeltern bei einigen Kindern verhindert.

Unter Berücksichtigung dieser Einschränkungen dient der Blick auf kindliche Ressourcen und Stärken in Gefährdungsfällen vor allem drei Zwecken:

 

Die Erhebung der Ressourcen bzw. Stärken von Kindern in der Jugendhilfe

International wurde innerhalb der Jugendhilfe die Bedeutung von Ressourcen bzw. Stärken wiederholt betont.3 Wenngleich dabei überwiegend elterliche bzw. familiäre Merkmalen angesprochen waren, wurden zumindest teilweise doch auch Ressourcen und Stärken von Kindern mit einbezogen. Entsprechend wurden an verschiedenen Orten Verfahren zur Einschätzung kindlicher Ressourcen bzw. Stärken entwickelt. Beispiele hierfür sind das „Child and Adolescent Strength Assessment“ 4 oder die „Behavioral and Emotional Rating Scale“.5 In der deutschsprachigen Diskussion liegen detaillierte, aber auch zeitintensive und teilweise nur auf psychologische Testdiagnostik gestützte Vorschläge zur Erhebung kindlicher Ressourcen für den Bereich der Kinderpsychotherapie vor.6 Für die Kinder- und Jugendhilfe wurde im Rahmen der „Jugendhilfe-Effektestudie“ ein Verfahren zur Einschätzung kindlicher Ressourcen entwickelt und erprobt.7

Bislang liegen international etwa ein halbes Dutzend Studien zu Ressourcen von Kindern in verschiedenen Jugendhilfemaßnahmen vor.8 Zentrale Ergebnisse, die sich hierbei andeuten, lauten:

Wenige bis keine Informationen liegen jedoch bislang dazu vor, inwieweit ein ressourcenorientiertes Vorgehen generell die Wirksamkeit von Jugendhilfemaßnahmen zu verbessern vermag. Ungeprüft ist auch, ob nach Gefährdungsereignissen im Vergleich zu anderen Hilfeanlässen bei Kindern etwas andere Ressourcen bzw. Stärken besonders beachtet werden sollten und hierdurch Kinder in der Bewältigung belastender Erfahrungen nachhaltig unterstützt werden können.

 

Ein Erhebungsraster für Ressourcen bzw. Stärken von Kindern (zum Formular)

Einige Bereiche möglicher Ressourcen bzw. Stärken von Kindern werden nahezu durchgängig in den vorliegenden Verfahren angeführt. Ihre Erhebung kann für wichtige Ziele der Sozialen Arbeit in Gefährdungsfällen (positiver Kontaktaufbau zum Kind, Mobilisierung von Ressourcen für die Bewältigung, Beeinflussung negativer Bilder vom Kind bei Bezugspersonen) bedeutsam sein:

 

Vorgehen bei der Erhebung

Sollen Stärken für den Kontaktaufbau zu einem Kind genutzt werden, so ist ein flexibles Vorgehen nötig, bei dem verschiedene Themen kurz angesprochen und nur bei einer positiven ersten Reaktion des Kindes vertieft werden. Reagiert das Kind beispielsweise bei der Frage nach Lieblingsfächern in der Schule eher bedrückt, so ist es sinnvoll, auf ein anderes Themenfeld zu wechseln (z.B. wen das Kind gern habe). Für das Erschließen von Bewältigungsressourcen ist jedoch in der Regel eine vertiefende Erhebung, die verschiedene Informationsquellen (z.B. Bezugspersonen, andere Fachkräfte) einbezieht, sinnvoll. Gleiches gilt für die Arbeit mit einseitig negativen Bildern vom Kind von Bezugspersonen, wobei es hier auch wichtig sein kann, nur vermutete kindliche Stärken einzubringen und ergänzende, Stärken betonende Sichtweisen von kindlichem Problemverhalten anzubieten.

 

 

Anmerkungen

1 Für eine Forschungsübersicht s. Bolger / Patterson 2003. Nach den dort zusammengestellten Befunden sind es in den vorliegenden großen Hochrisikostichproben jeweils weniger als zehn Prozent der betroffenen Kinder, die unter Bedingungen wiederholter Gefährdung eine insgesamt positive Entwicklung durchmachen konnten, d.h., die sich über mittel- oder langfristige Zeiträume in mehreren untersuchten Entwicklungsbereichen positiv entwickelten.

2 Vgl. Rushton / Dance 2003, Dance et al. 2002.

3 Für internationale Übersichten s. etwa Wieck et al. 1989, Saleeby 1992, Fraser 1997 und Gilligan 2001. Innerhalb der deutschen Kinder- und Jugendhilfediskussion wurde die Bedeutung von Ressourcen etwa von Buchholz-Graf 2001 hervorgehoben. Wurzeln dieser Orientierung liegen in der Resilienz-, Bewältigungs- und Psychotherapieforschung sowie in der Gemeindepsychologie. Frage 67 geht näher auf die Entwicklung ressourcenorientierter Sichtweisen ein.

4 Es handelt sich um einen Fragebogen mit 30 möglichen Stärken eines Kindes aus den Bereichen Familienbeziehungen, Schule, psychische Merkmale, Gleichaltrigenbeziehungen, moralische Entwicklung und Freizeitinteressen. Die Einschätzung wird von einer mit dem Kind vertrauten erwachsenen Person vorgenommen. Der Fragebogen wurde von Lyons et al. 2000 entwickelt, eine deutsche Übersetzung liegt nicht vor.

5 Die „Behavioral and Emotional Rating Scale“ wurde von Epstein / Sharma 1998 veröffentlicht und stellt gegenwärtig vermutlich das international am besten untersuchte Verfahren mit Schwerpunkt auf der Erhebung von kindlichen Stärken und Ressourcen dar. Beispielsweise existieren für die USA Vergleichswerte zu unterschiedlichen Gruppen und Altersstufen von Kindern. Insgesamt werden 52 Stärken von Kindern aus den Bereichen Umgang mit anderen Menschen, Engagement in der Familie, psychische Stärken, emotionale Stärken und Stärken in der Schule angesprochen. Die Einschätzung wird wiederum von einer mit dem Kind vertrauten erwachsenen Person vorgenommen. Eine deutsche Übersetzung liegt nicht vor.

6 Klemenz 2003, Kapitel 9.

7 Das „Instrument zur Erfassung von personalen und sozialen Ressourcen von Kindern“ wurde von Schneider / Pickartz 2004 veröffentlicht und enthält 39 Items zu personalen Ressourcen des Kindes (positive Selbstwahrnehmung und Grundeinstellung, körperliche Robustheit, soziale Wertschätzung und Integration, Selbststeuerung und kreative Fähigkeiten, Interessenvielfalt und Aktivitätsniveau) sowie 55 Items zu sozialen Ressourcen (kindgerechte Lebensverhältnisse, Erziehungskompetenz der Eltern, positive Selbstwahrnehmung und Grundeinstellung der Eltern, Aktivität und Anregung bei den Eltern). Die veröffentlichte Fassung des Instrumentes wurde in der Jugendhilfe-Effektestudie (Schmidt et al. 2002) so verwendet, d.h. die dort gemachten Erfahrungen mit den Messeigenschaften des Verfahrens und dem Informationsgehalt der einzelnen Fragen wurden noch nicht zu einer Verkürzung und Weiterentwicklung des Verfahrens verwendet. Alle abgefragten Stärken werden auf einer dreistufigen Skala von „genau zutreffend“ bis „nicht zutreffend“ von Fachkräften eingeschätzt. Die Werte werden später aufaddiert.

8 Vgl. Schneider / Pickartz 2004, Walrath et al. 2004, Trout et al. 2003, Epstein et al. 2002, Lyons et al. 2000, Harniss et al. 1999.

9 Der Autor dieses Beitrags erinnert sich etwa an eine sehr interessante Einführung in verschiedene Spielarten des Heavy Metal und eine hoch kompetente Einführung in aktuelle Entwicklungen bei Computerspielen einschließlich der dazu erforderlichen Systemvoraussetzungen durch zwei Kinder, die selbst Misshandlung bzw. Missbrauch hatten erleben müssen.

10 Vgl. etwa Bannister 2003, Murphy 2001, Reichelt 1994.