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24. Was ist über die Folgen von Vernachlässigung bei Kindern bekannt?
Obwohl Vernachlässigung in Deutschland und allen anderen untersuchten Staaten die Mehrzahl der Gefährdungsfälle darstellt,1 wächst das Wissen über die Folgen von Vernachlässigung nur allmählich und bleibt stellenweise hinter dem Wissen über die Folgen von körperlicher Misshandlung und sexuellem Missbrauch zurück (vgl. Fragen 26 und 27). Ein Grundstock an Erkenntnissen liegt aber vor und wird nachfolgend im Überblick dargestellt.
Dabei wird zunächst die Frage angesprochen, wie die Folgen von Vernachlässigung überhaupt belegt werden können. Die Erörterung dieser Frage ist auch für die Beurteilung der Folgen aller anderen Formen von Kindeswohlgefährdung von Bedeutung (vgl. Fragen 25, 26 und 27). In späteren Abschnitten dieses Artikels werden Zusammenhänge zwischen Vernachlässigung und Beeinträchtigungen der körperlichen, kognitiven und sozioemotionalen Entwicklung erörtert, ebenso wie Zusammenhänge zu Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit betroffener Kinder.
Wie lassen sich die negativen Folgen von Vernachlässigung belegen?
Aus der im letzten Jahrzehnt intensiv geführten Diskussion2 über die Nachweisbarkeit von schädigenden Umwelteinflüssen auf die Entwicklung von Kindern haben sich einige methodische Qualitätskriterien ergeben, die sich auch auf Studien zu den Auswirkungen aller Formen von Kindeswohlgefährdung anwenden lassen. Demnach kann eine ursächliche und bedeutsame negative Wirkung von Gefährdungserfahrungen umso eher als belegt gelten, je mehr die folgenden Kriterien in wiederholten Untersuchungen bestätigt werden:
Vor allem in schwerwiegenden Fällen (z.B. beim Verhungern eines Kindes) ist der ursächliche, schädigende Einfluss von Vernachlässigung offenkundig. Im Bereich weniger schwerwiegender Fälle ist die kritische Prüfung der belegbaren Auswirkungen von Vernachlässigung aber von Bedeutung, da die Gesellschaft in sich ergebenden schwierigen Abwägensprozessen zwischen Elternrechten und Rechten von Kindern sowie bei der Prioritätensetzung und Verteilung von Hilferessourcen auf möglichst tragfähige Hintergrundinformationen angewiesen ist. Dies gilt besonders für chronische Schädigungsprozesse wie bei Vernachlässigung, da hier die mobilisierende Eindrücklichkeit herausgehobener Misshandlungs- oder Missbrauchsereignisse oft fehlt.
Wie sicher kann von einer schädigenden Wirkung von Vernachlässigung ausgegangen werden?
Wird der Forschungsstand zu den Folgen von Vernachlässigung im Überblick betrachtet, zeigt sich eine beeindruckende Fülle an Anzeichen einer tatsächlichen und erheblichen Schädigungswirkung, d.h. zu den meisten, wenngleich nicht allen der im vorangegangenen Absatz genannten unterschiedlichen Arten von Belegen liegen zumindest erste bestätigende Befunde vor. Dies gilt auch, wenn nicht unmittelbar lebensbedrohliche Formen der Vernachlässigung besonders in den Blick genommen werden.
Zunächst hat eine größere Anzahl an Studien5 bedeutsame Entwicklungsbeeinträchtigungen bei vernachlässigten Kindern dokumentiert. Weiterhin ist aus mehreren längsschnittlichen Untersuchungen bekannt, dass Vernachlässigungserfahrungen auch dann mit Beeinträchtigungen kindlicher Entwicklung einhergehen, wenn evtl. bereits vorher bestehende Entwicklungsauffälligkeiten in Rechnung gestellt werden.6 Zudem wurde durch die längsschnittliche Begleitung betroffener Kinder auch besser verständlich, wie Erfahrungen von Vernachlässigung ungünstige Entwicklungsverläufe bei Kindern anstoßen und bahnen können.7 An möglichen alternativen Erklärungen für die bei vernachlässigten Kindern beobachteten Entwicklungsbeeinträchtigungen wurden bislang vor allem andere Formen der Kindeswohlgefährdung,8 ungünstige Lebensumstände 9 und ungünstige genetische Merkmale 10 untersucht. Dabei hat sich gezeigt, dass Vernachlässigung auch für sich genommen die Entwicklung von Kindern beeinträchtigt. Das Zusammenwirken mit weiteren Belastungen kann das Schädigungspotenzial aber vielfach noch einmal beträchtlich erhöhen.11 Eine Reihe von Untersuchungen hat mittlerweile Dosiseffekte aufgezeigt, d.h. Kinder mit längeren und schwereren Erfahrungen von Vernachlässigung wiesen in diesen Studien im Mittel bedeutsamere Beeinträchtigungen in der Entwicklung auf als Kinder mit weniger schwerwiegenden Vernachlässigungserfahrungen.12 Weiteren Aufschluss beim Verständnis der Auswirkungen von Vernachlässigung haben Forschungen13 erbracht, in denen psychologische und physiologische Vermittlungsmechanismen zwischen Vernachlässigung und Beeinträchtigungen in der Entwicklung von
Kindern untersucht wurden. Die Nachweisbarkeit solcher Vermittlungsmechanismen stützt die Einschätzung, Vernachlässigung wirke in verschiedenen Bereichen und auch unterhalb der Schwelle unmittelbar entstehender Lebensgefahr ursächlich schädigend auf die Entwicklung von Kindern ein. Schließlich ergeben sich beeindruckende Belege für die Belastungswirkung von Vernachlässigung auch aus Studien, die ganz erhebliche Entwicklungsschübe bei vielen vernachlässigten Kindern demonstrieren, wenn sie dauerhaft eine verbesserte Fürsorge und Anregung erfahren. Allerdings gibt es bei lange anhaltenden und ausgeprägten Formen der körperlichen und emotionalen Vernachlässigung auch Hinweise 14 auf dauerhafte, kaum mehr reversible Schädigungen bei einem Teil betroffener Kinder und auf Beeinträchtigungen, deren Überwindung nur mehr durch ein besonders hohes Maß an positiver Fürsorge möglich ist.
Vernachlässigung, körperliche Entwicklung und gesundheitliche Beeinträchtigungen
Vernachlässigung kann zum Tod eines Kindes führen. Nach rechtsmedizinischen Befunden15 aus der Bundesrepublik ist hier jährlich mit etwa vier bis sieben Todesfällen von zumeist sehr jungen Kindern infolge von Verhungern oder Verdursten zu rechnen. Sofern international berichtete Zahlenverhältnisse 16 auf Deutschland übertragen werden können, kommt ein Mehrfaches an Kindern durch Unfälle infolge einer Vernachlässigung bei der Beaufsichtigung ums Leben. Im Unterschied zur öffentlichen Wahrnehmung, die Vernachlässigung im Verhältnis zu körperlicher Kindesmisshandlung häufig als weniger gefährlich einstuft, deuten epidemiologische Befunde 17 zudem darauf hin, dass schwere gesundheitliche Beeinträchtigungen in unmittelbarem Zusammenhang mit Vernachlässigung nahezu gleich häufig wie im Zusammenhang mit Misshandlung auftreten. Erst bei leichteren Verletzungen dominieren Misshandlungen dann deutlich. Langfristige gesundheitliche Beeinträchtigungen infolge von Vernachlässigungserfahrungen in der Kindheit wurden bislang noch kaum untersucht. In einer rückblickenden Befragung an einer großen amerikanischen Zufallsstichprobe18 schilderten Erwachsene mit selbst berichteter Vernachlässigung in der Kindheit im Vergleich zur Kontrollgruppe etwa doppelt so häufig von einer Reihe internistischer Erkrankungen, dreimal so häufig von neurologischen Störungen und zehnmal so häufig von Allergien.
Wiederholt wurden bei vernachlässigten Kindern gehäuft auftretende Verzögerungen im körperlichen Wachstum und Rückstände in der motorischen Entwicklung beschrieben, die vermutlich auf eine Mangel- bzw. Fehlernährung und fehlende Anregungsbedingungen zurückgeführt werden müssen. Die Rolle emotionaler Vernachlässigung als mögliche Ursache bei Störungen des körperlichen Wachstums ist strittig.19 Mangelbedingte Verzögerungen im körperlichen Wachstum haben sich in Längsschnittuntersuchungen20 als
schwache, aber beständige Vorhersagefaktoren für die weitere geistige und soziale Entwicklung erwiesen, selbst wenn die Mehrzahl betroffener Kinder bei einer verbesserten Ernährung Rückstände im Bereich der körperlichen Entwicklung überwiegend oder vollständig ausgleichen konnte. Es ist möglich, dass Zeiten der Mangel- und Fehlernährung in der Kindheit dauerhafte Veränderungen im Stoffwechsel bedingen, die bei einer später üppigeren Ernährung Stoffwechselerkrankungen und Fettsucht begünstigen.21
Neuerdings hat die Forschung begonnen, sich mit der Frage zu beschäftigen, inwieweit Folgen von Vernachlässigung im Entwicklungsverlauf eine Entsprechung in nachweisbaren neurophysiologischen oder neuroendokrinologischen Veränderungen besitzen. Belegbar erscheint dabei zum gegenwärtigen Zeitpunkt, dass schwere Formen der Vernachlässigung mit einem verlangsamten Gehirnwachstum in den ersten Lebensjahren und einem herabgesetzten Stoffwechsel in einigen Gehirnarealen einhergehen.22 Dies kann als Entsprechung der bei vernachlässigten Kindern häufig beobachtbaren kognitiven Einschränkungen verstanden werden. Zu den nach aggressiven und sexuellen Übergriffen bei Kindern langfristig teilweise feststellbaren Fehlsteuerungen im Stresshormonsystem liegen für vernachlässigte Kinder bislang nur widersprüchliche Befunde 23 vor, die sich vorläufig einer inhaltlichen Interpretation entziehen. Hinsichtlich des Stoffwechsels der Botenstoffe im Gehirn (Neurotransmitter), die steuernd auf die Aktivierung und Kontrolle von Verhalten einwirken, deuten einige Befunde24 auf Abweichungen hin, die spezifisch mit Vernachlässigungserfahrungen verbunden zu sein scheinen und die Schwierigkeiten betroffener Kinder bei der Beantwortung von Umweltreizen (z.B. Reaktion auf Konflikt mit einem anderen Kind) widerspiegeln könnten.
Vernachlässigung und Beeinträchtigungen der kognitiven bzw. schulischen Entwicklung
Sowohl in ihren Schulnoten als auch in standardisierten Tests ihrer kognitiven Fähigkeiten zeigen vernachlässigte Kinder als Gruppe deutlich unterdurchschnittliche Leistungen.25 In internationalen Studien werden vernachlässigte Kinder entsprechend häufiger auf Sonderschulen verwiesen oder nicht versetzt.26 Obwohl zur Schullaufbahn von vernachlässigten Kindern in der Bundesrepublik keine Befunde vorliegen, ist anzunehmen, dass diese Ergebnisse auch hier zu Lande gelten, da das deutsche Schulsystem sich im internationalen Vergleich als kaum in der Lage erwiesen hat, soziale Benachteiligungen bei Schulkindern aufzufangen und auszugleichen. Sofern die Vernachlässigung bereits früh im Leben des Kindes einsetzt, zeigen sich Entwicklungsrückstände bereits in den ersten Lebensjahren und während der Kindergartenzeit.27 Beeinträchtigungen der kognitiven Entwicklung wurden sowohl bei mangelernährten und körperlich vernachlässigten Kindern als auch bei emotional vernachlässigten Kindern28 berichtet. Auch eine erzieherische Vernachlässigung (z.B. fehlende Regeln in der Familie) kann sich über die Begünstigung von Störungen des Sozialverhaltens ungünstig auf die schulische Entwicklung auswirken.29 Weitere Vermittlungsmechanismen zwischen Vernachlässigung und Beeinträchtigungen der kognitiven bzw. schulischen Entwicklung wurden in der Literatur beschrieben. So scheint Vernachlässigung etwa Lernbereitschaft, Interesse und Selbstvertrauen von Kindern nachhaltig zu untergraben und auf diese Weise das schulische Engagement zu behindern.30 Zunehmend größere Wissenslücken wirken dann zusätzlich demotivierend. Solche Wissenslücken sind weiterhin aufgrund einer anregungsarmen und teilweise chaotischen familiären Umwelt häufig bereits bei Schulbeginn vorhanden. Während der Schullaufbahn erschweren eine fehlende Unterstützung zu Hause sowie häufige familiäre Veränderungen (z.B. viele Umzüge, Trennungen und neue Partnerschaften der Eltern) dann den Ausgleich von Lerndefiziten.31
Vernachlässigung und Beeinträchtigungen der sozioemotionalen Entwicklung
Wie im vorangegangenen Abschnitt dargestellt, ist ein Teil des Zusammenhangs zwischen Vernachlässigung und schulischen Leistungsrückständen auf Beeinträchtigungen der sozioemotionalen Grundlagen des Lernens (z.B. Interesse, Lernfreude, Ausdauer) bei betroffenen Kindern zurückzuführen. Auch für sich genommen beinhaltet der Bereich der sozioemotionalen Entwicklung jedoch Entwicklungsaufgaben, deren Bewältigung für die Befindlichkeit und das Lebensglück von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen von grundlegender Bedeutung ist. Drei Entwicklungsaufgaben haben hierbei das Hauptaugenmerk der Forschung auf sich zu ziehen vermocht: Der Aufbau von Bindungsbeziehungen in der frühen Kindheit, die Fähigkeit zur Integration in die Gleichaltrigengruppe und zum Aufbau von Freundschaften im Kindergarten- und Schulalter sowie die Fähigkeit zum Aufbau tragfähiger Partnerschaftsbeziehungen im frühen Jugendalter.
Bezogen auf den Aufbau von Bindungsbeziehungen im Verlauf der ersten Lebensjahre liegen einige Untersuchungen vor,32 in denen Mutter-Kind-Bindungen von vernachlässigten Kindern gesondert betrachtet wurden, sowie einige Studien, in denen die überwiegende Mehrzahl der einbezogenen Kinder Vernachlässigung erlebt hatte, teilweise verbunden mit weiteren Formen der Gefährdung. Eher schwere Formen von Vernachlässigung hatten zudem Kinder erfahren, bei denen in neueren Studien33 nach der Unterbringung in einer Pflegefamilie die Entwicklung der Bindungsbeziehung gegenüber der Pflegemutter untersucht wurde. Befunde bezüglich der Bindungsbeziehung zum Vater liegen derzeit noch nicht vor. Die vorliegenden Ergebnisse zeigen insgesamt, dass körperlich und/oder emotional vernachlässigte Kinder in der Ursprungsfamilie ganz überwiegend keine sichere Bindungsbeziehung zur Mutter aufbauen können, also nicht die emotionale Geborgenheit erfahren, die es ihnen erlauben würde, Gefühle von Kummer und Angst offen und mit Vertrauen auf eine positive Reaktion der Mutter zu zeigen.34 Für vermutlich mehr als die Hälfte der betroffenen Kinder scheint die erfahrene Fürsorge massiv Angst auslösende Momente zu beinhalten, sodass sich Anzeichen von Desorganisation in den Bindungsbeziehungen des Kindes zur Mutter zeigen.35 Sehr schwere Formen von Vernachlässigung gehen schließlich bei einer beachtlichen Minderheit betroffener Kinder auch nach einer Fremdunterbringung mit Anzeichen psychiatrisch relevanter Bindungsstörungen einher, die die Befindlichkeit und/oder Entwicklung eines Kindes nachhaltig beinträchtigen können und die daher behandelt werden müssen.36 Bindungserfahrungen üben auf dem Weg über die Ausformung innerer Beziehungsmodelle einen Einfluss auf das spätere Verhalten eines Kindes in sozialen Beziehungen aus. Vernachlässigte Kinder scheinen hierbei sich selbst in Beziehungen als wenig liebenswert einzuschätzen und andere als wenig an ihnen interessiert, ablehnend oder sehr mit eigenen Problemen beschäftigt wahrzunehmen.37 Entsprechend ihren Beziehungserwartungen erwiesen sich körperlich und emotional vernachlässigte Kinder im beobachtbaren Kontakt mit Gleichaltrigen eher als sozial zurückgezogen und wenig kompetent beim Lösen sozialer Konfliktsituationen.38 Von Gleichaltrigen wurden sie seltener als FreundInnen benannt und häufiger sozial ausgegrenzt.39
Obwohl bislang nur selten untersucht, scheinen junge Erwachsene, die in der Kindheit Vernachlässigung erleben mussten, ihre Beziehungsmodelle und sozialen Erfahrungen auch in entstehende Partnerschaftsbeziehungen einzubringen. Hierauf deuten jedenfalls längsschnittliche Befunde hin, denen zufolge betroffene junge Männer und Frauen im Vergleich zu einer sorgfältig ausgewählten Kontrollgruppe etwa doppelt so häufig eine Scheidung erlebten, obwohl sie seltener in Partnerschaftsbeziehungen lebten.40
Vernachlässigung und Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit
In einer ganzen Reihe von Untersuchungen wurden Kinder mit und ohne Erfahrungen von Vernachlässigung im Hinblick auf Anzahl und Intensität von Verhaltensauffälligkeiten miteinander verglichen. Vor allem bezüglich nach innen gerichteter Probleme (z.B. Ängste, Depression, sozialer Rückzug) zeigte sich dabei von der Kindheit bis ins Jugendalter eine deutlich größere Problembelastung bei vernachlässigten Kindern. Auch bezüglich ausagierender Probleme (Aggression, Unruhe) waren vernachlässigte Kinder auffälliger als nicht vernachlässigte Kinder, aber die Unterschiede waren im Mittel weniger groß.41 Im Jugend- und jungen Erwachsenenalter wurden dann neben klinischen Fragebögen und Einschätzverfahren auch wiederholt psychiatrische Interviews im Rahmen von Studien durchgeführt. Aus drei Längsschnittstudien 42 ergaben sich hierbei Erhöhungen des Gesamtrisikos einer psychiatrisch relevanten Störung sowie erhöhte Häufigkeiten spezifischer Störungen wie depressiver Erkrankungen, Suizidalität und Suchterkrankungen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Erfahrungen von Vernachlässigung in der Kindheit. Die hohen Raten psychischer Auffälligkeit im Jugend- und jungen Erwachsenenalter deuten darauf hin, dass vernachlässigte Kinder eine besonders problembelastete Gruppe darstellen, die ein hohes Maß an Schutz und Unterstützung benötigt. Jedoch ist es aus den vorliegenden Zahlen nicht möglich, auf Vernachlässigung als Ursache für die beobachteten Auffälligkeiten zu schließen. Wird umgekehrt danach gefragt, wie häufig Kinder trotz bedeutsamer Erfahrungen von Vernachlässigung einen insgesamt stabil positiven Entwicklungsweg durchlaufen, so deuten die vorliegenden Längsschnittstudien darauf hin, dass dieser Anteil unter zehn Prozent liegt.43
Folgen von Vernachlässigung und Interventionen der Jugendhilfe
Der vorliegende Erkenntnisstand macht mehr als deutlich, dass Vernachlässigung mit schwerwiegenden negativen Folgen für die betroffenen Kinder verknüpft sein kann. Daher und aufgrund ihrer Häufigkeit stellt Vernachlässigung eine gravierende Herausforderung für jedes System der Jugendhilfe dar. Erfolgreiche Veränderungen sind dabei in der Regel nicht leicht zu erzielen, jedoch haben sich manche Formen ambulanter Hilfe als besonders geeignet erwiesen (vgl. Frage 93). Vernachlässigungsbedingte Fremdunterbringungen, die ihrerseits mit Belastungen für betroffene Kinder verbunden sind, können damit teilweise, aber nicht gänzlich verzichtbar gemacht werden.
Anmerkungen
2 Für Diskussionsübersichten s. Rutter 1999, 2005, Rutter et al. 2001.
3 Treten negative Entwicklungsverläufe bei vernachlässigten Kindern häufiger als bei nicht vernachlässigten Kindern auf, so kommen alternativ zu einer möglichen schädigenden Rolle der Vernachlässigung solche Faktoren als (Teil-)Erklärung in Betracht, die zum einen auch für sich genommen Beeinträchtigungen kindlicher Entwicklung bewirken können und die zum anderen statistisch auch gehäuft mit einem Auftreten von Vernachlässigung einhergehen. Berücksichtigt werden müssen etwa familiäre Belastungen (z.B. Partnerschaftskonflikte oder Partnerschaftsgewalt zwischen den Eltern), genetische Belastungen, die Eltern und Kindern gemeinsam haben können (z.B. geringer IQ oder Vulnerabilität für depressive Erkrankungen) oder andere Formen von Kindeswohlgefährdung, die in Fällen von Vernachlässigung häufig ebenfalls auftreten (z.B. Manly et al. 1994, Dong et al. 2004). Zu denken ist auch an mögliche Methodeneffekte. So könnte es etwa sein, dass vernachlässigende Eltern ihre Kinder systematisch negativ verzerrt wahrnehmen, sodass eine Befragung vernachlässigender Eltern ein künstlich negatives Bild der betroffenen Kinder vermittelt.
4 Wenn im Entwicklungsverlauf von Kindern die aufeinander folgende An- und Abwesenheit eines Risikofaktors systematisch mit einer Zu- und Abnahme von Belastung einhergeht, stellt dies einen Hinweis auf die ursächliche Wirkung dieses Faktors dar. In der Literatur wird von einer „regelhaften intraindividuellen Variabilität“ gesprochen. Umgekehrt kann aus dem Fehlen einer solchen regelhaften Variabilität in Abhängigkeit von der An- bzw. Abwesenheit eines Belastungsfaktors im Lebenslauf jedoch nicht abgeleitet werden, der betreffende Belastungsfaktor wirke nicht ursächlich. Dies ergibt sich aus dem Umstand, dass Belastungsfaktoren, wie Misshandlung, Vernachlässigung oder Missbrauch, unter Umständen auch anhaltende Schädigungen bedingen können, die nach einem Wegfall der Gefährdung nicht oder nur langsam abklingen.
5 Entsprechend einer von der Projektgruppe „Kindeswohlgefährdung und ASD“ zusammen mit dem Informationszentrum Kindesmisshandlung / Kindesvernachlässigung (IKK) durchgeführten Literaturrecherche lagen Mitte 2004 mindestens 80 veröffentlichte Studien zu den Auswirkungen von Vernachlässigung vor. Überwiegend werden diese Arbeiten in einer Bibliografie des Children and Family Research Centers 2003 aufgelistet. Eine gute Forschungsübersicht zu den Folgen von Vernachlässigung wurde von Hildyard / Wolfe 2002 vorgelegt. In der deutschsprachigen Literatur findet sich derzeit leider keine gründliche Analyse des aktuellen Forschungsstandes. Vorliegende Studien zu den Folgen von Vernachlässigung stammen derzeit vor allem aus Ländern wie Australien (z.B. Strathearn et al. 2001), Großbritannien (z.B. O’Connor et al. 2000), Kanada (z.B. Trocme et al. 2003) und den Vereinigten Staaten (z.B. Erickson et al. 1989). In der Bundesrepublik haben beispielsweise Schone et al. 1997 in einer Stichprobe aus der Jugendhilfe höhere Problembelastungen im körperlichen, kognitiven, psychischen und sozialen Erscheinungsbild bei vernachlässigten im Vergleich zu nicht vernachlässigten Kindern dokumentiert. In die bislang vorliegende Forschung wurden verschiedene Entwicklungsbereiche einbezogen (körperliche und gesundheitliche Beeinträchtigungen: z.B. Goodwin / Stein 2004; Belastungen der sozialen und emotionalen Entwicklung: z.B. Waldinger et al. 2001; Beeinträchtigungen der kognitiven und schulischen Entwicklung: z.B. Eckenrode et al. 1993; Belastungen der psychischen Gesundheit: z.B. Horwitz et al. 2001), ebenso verschiedene Altersgruppen (für die frühe Kindheit: z.B. Egeland / Sroufe 1981; für das Kindergartenalter: z.B. Dubowitz et al. 2002; für die mittlere Kindheit: z.B. Bolger et al. 1998; für das Jugendalter z.B. Clark et al. 2004). Grundlegend wurden die im Mittel beobachtbaren Entwicklungsbeeinträchtigungen bei vernachlässigten Kindern durch statistische Vergleiche mit Kontrollgruppen gegen den Zufall abgesichert. Die weiter gehende Einschätzung der Bedeutsamkeit beobachtbarer Schädigungen wird, vor allem in neueren Studien, durch Angaben zu den sog. Effektstärken ermöglicht. Effektstärken können in Form von kontinuierlichen und standardisierten Maßen auftreten, die in ihrer Bedeutung aber nicht ohne weiteres anschaulich gemacht werden können (für eine Einführung in solche Maße s. McCartney / Rosenthal 2000), sie können aber auch in leicht interpretierbarer Form, etwa als Prozentzahlen oder Riskratio, auftreten. Das Riskratio gibt beispielsweise an, um welchen Faktor die Rate von Verhaltensproblemen bei vernachlässigten Kindern im Vergleich zu nicht vernachlässigten Kindern erhöht ist. In einer 16-Jahre-Längsschnittstichprobe fanden etwa Egeland et al. 2002 bei 77 % der in der Vorgeschichte emotional vernachlässigten Kinder im Vergleich zu 38 % der Kinder aus einer sorgfältig ausgewählten Kontrollgruppe Hinweise auf behandlungsbedürftige Verhaltensauffälligkeiten. Das Riskratio beträgt entsprechend 2,03, d.h. im Vergleich zur Kontrollgruppe zeigten doppelt so viele der emotional vernachlässigten Kinder Anzeichen von behandlungsbedürftigen Verhaltensauffälligkeiten.
6 So etwa das Ergebnis einer herausragenden deutschen Untersuchung, der sog. „Mannheimer Risikokinderstichprobe“ (z.B. Esser 2002).
8 Häufig müssen vernachlässigte Kinder auch noch weitere Formen der Gefährdung erleben (vgl. Frage 3, Fußnote 14). In weiteren Fällen kann nicht geklärt werden, welche Formen der Gefährdung ein Kind erleben musste. Soweit möglich, wurde aber in einigen Untersuchungen versucht, eine gesonderte Gruppe von Kindern zu bilden, die nur oder nahezu ausschließlich Vernachlässigung erfahren hatten. In anderen Studien wurde das bekannte Ausmaß anderer Formen an Gefährdung bei der Ermittlung von Vernachlässigungsfolgen statistisch kontrolliert. Beide methodischen Herangehensweisen konvergieren in dem Befund, dass Vernachlässigung auch für sich genommen mit bedeutsamen Beeinträchtigungen kindlicher Entwicklung einhergeht (z.B. Egeland et al. 1983, Eckenrode et al. 1993, Suess-Burghart 2002, Dubowitz et al. 2004).
9 Vernachlässigte Kinder entstammen in der Regel armen Familien (vgl. Frage 19). Um die Folgen von Vernachlässigung und Armut differenzieren zu können, wurden in vielen Studien Kinder aus armen Familien mit und ohne Vernachlässigungserfahrungen miteinander verglichen (z.B. Egeland / Sroufe 1981).
10 Gegenwärtig belegen Interventionsstudien am eindrücklichsten, dass Entwicklungsbeeinträchtigungen bei vernachlässigten Kinder zu einem erheblichen Teil von der erfahrenen Fürsorge und weniger von den genetischen Anlagen abhängen, da bei betroffenen Kindern nach einer Fremdunterbringung bzw. Adoption in der körperlichen (z.B. Olivan 2003), kognitiven (z.B. Duyme et al. 1999) und sozialen Entwicklung (z.B. Rutter et al. 2004) zu erheblichen Teilen wesentliche Entwicklungsfortschritte beobachtbar sind, die aufgrund der unveränderten genetischen Ausstattung wesentlich von der verbesserten Fürsorge abhängen müssen. Die ansonsten bei der Untersuchung genetischer Effekte weit verbreiteten Zwillingsstudien kommen im Bereich der Untersuchung der Auswirkungen von Vernachlässigung erst allmählich häufiger zum Einsatz, bestätigen bislang aber die vorliegenden Befunde zur Bedeutung erfahrener Fürsorge (z.B. Petrill et al. 2004, Pike et al. im Druck).
11 Beispielsweise fanden mehrere Untersuchungen besonders negative Effekte von Vernachlässigung bei Kindern, die von ihrer körperlichen Entwicklung her (z.B. als Frühgeborene) besonders verletzlich erschienen (z.B. Mackner et al. 1997, Strathearn et al. 2001). Auch bei einem Zusammenwirken verschiedener Formen von Gefährdung (z.B. Vernachlässigung und Misshandlung) fanden sich besonders ausgeprägt negative Effekte (z.B. Kaufman / Cicchetti 1989).
12 Z.B. Manly et al. 2001, Kinard 2004.
13 Gegenwärtig sind bereits mehrere Vermittlungsmechanismen auf verschiedenen Ebenen bekannt, die in einzelnen Untersuchungen die statistischen Zusammenhänge zwischen Vernachlässigung und Beeinträchtigungen kindlicher Entwicklung zumindest teilweise erklären konnten. Hierzu zählen etwa auf der psychologischen Ebene Gefühle persönlicher Macht- und Hilflosigkeit im Hinblick auf das Auftreten von Depression, Angst und sozialem Rückzug (Bolger / Patterson 2001) sowie wenig entwickelte Fähigkeiten zum konstruktiven Umgang mit belastenden Gefühlen und Konflikten in Hinblick auf ausagierende, aggressive Verhaltensauffälligkeiten (Maughan / Cicchetti 2002). Auf der familiären Ebene vermittelte Instabilität und ein inkonsistenter Erziehungsstil Zusammenhänge zwischen Vernachlässigung und schlechten Schulleistungen sowie aggressivem Verhalten (Eckenrode et al. 1995, Knutson et al. 2004). Bislang liegen keine Studien vor, die die Bedeutung verschiedener Vermittlungsmechanismen relativ zueinander überprüft haben, obwohl ein Wissen hierüber für die Gestaltung von Interventionen von großer Bedeutung wäre.
14 Diese Einschätzungen können sich gegenwärtig vor allem auf zwei Arten von Befunden stützen. Zum einen auf Adoptionsstudien mit Kindern, die in der frühen Kindheit, zumeist in rumänischen Heimen, sehr schwere Formen der Vernachlässigung erleben mussten. Nach einer Adoption zeigten diese Kinder im Verlauf mehrerer Jahre im Mittel beeindruckende Entwicklungsfortschritte, die in vielen Fällen in positive und gegenüber Vergleichsgruppen unauffällige Entwicklungswege mündeten (z.B. Rutter 1998, Rutter et al. 2004). Sofern die schwere Vernachlässigung in der frühen Kindheit aber längere Zeit (z.B. mehr als zwei Jahre) angehalten hatte, zeigte eine Minderheit betroffener Kinder auch Jahre nach einer Adoption noch bedeutsame Rückstände bzw. Auffälligkeiten in der kognitiven Entwicklung und in der Bindungsentwicklung (Rutter et al. 2001, 2004). Zum anderen können Studien herangezogen werden, in denen meist weniger schwerwiegende Formen der Vernachlässigung über viele Jahre bestanden und erst in der mittleren Kindheit eine Adoption oder Pflegestellenunterbringung erfolgte. Auch hier scheinen bei einer Minderheit betroffener Kinder Entwicklungsrückstände bzw. Auffälligkeiten bestehen zu bleiben. Gleichwohl werden überwiegend positive Entwicklungsverläufe beobachtet, die aber von überdurchschnittlich positiven Förder- und Fürsorgebedingungen abzuhängen scheinen (für den Bereich kognitiver Entwicklung z.B. Duyme et al. 1999, für einen Forschungsüberblick zum Bereich der sozioemotionalen Entwicklung s. Kindler / Lillig 2004).
15 Vock et al. 1999, 2000, Fieguth et al. 2002.
16 In Staaten mit besser entwickeltem Berichts- und Analysesystem für Todesfälle bei Kindern werden Zahlenverhältnisse von bis zu 1 : 7 zwischen Todesfällen aufgrund von körperlicher Vernachlässigung vs. Todesfällen infolge unzureichender Beaufsichtigung berichtet (Margolin 1990, Lawrence / Irvine 2004). Für eine gesonderte empirische Analyse von Todesfällen infolge unzureichender Beaufsichtigung s. Landen et al. 2003.
17 In einer groß angelegten kanadischen Untersuchung (Canadian Incidence Study) waren 47 % der registrierten schweren gesundheitlichen Beeinträchtigungen aufgrund von Kindeswohlgefährdung auf Vernachlässigung zurückzuführen (Trocme et al. 2003).
19 Für eine vertiefende Erörterung s. Frage 4, Fußnote 14.
20 Z.B. Rutter 1998, Olivan 2003, Liu et al. 2004, Rutter et al. 2004.
21 Für eine Forschungsübersicht s. O’Brien et al. 1999.
22 Befunde zu einer unterdurchschnittlichen Wachstumsrate des Gehirns bei schwer vernachlässigten Kindern finden sich u.a. bei O’Connor et al. 2000 und Perry 2002. Strathearn et al. 2001 konnten in einer Längsschnittstichprobe an frühgeborenen Kindern zeigen, dass Wachstumsunterschiede im Gehirn zwischen vernachlässigten und nicht vernachlässigten Kindern zum Zeitpunkt der Geburt noch nicht bestanden, sondern sich erst im Verlauf der ersten Lebensjahre entwickelten. Chugani et al. 2001 präsentierten mittels Positron-Emissions-Tomografie Befunde zum Gehirnstoffwechsel bei Kindern nach schwerer Vernachlässigung.
23 Forschungsarbeiten zu diesem Thema stammen bislang vor allem von Hart et al. 1996, Cicchetti / Rogosch 2001, Gunnar et al. 2001.
24 Rogeness / McClure 1996 berichten von vernachlässigungsspezifischen Fehlregulationen im Noradrenalinstoffwechsel, der mit eher verhaltenshemmender und kontrollierender Wirkung im Zusammenspiel mit dem aktivierenden Dopamin an der Verhaltenssteuerung beteiligt ist. Für eine Übersicht zur Funktionsweise von Neurotransmittern und möglichen Wirkungen von Gefährdungserfahrungen auf dieses System s. Glaser 2002.
25 Derzeit liegen mehr als ein halbes Dutzend Studien vor, in denen die kognitiven Fähigkeiten bzw. Schulleistungen von Schulkindern mit und ohne Vernachlässigungserfahrungen untersucht wurden (Eckenrode et al. 1993, Kurtz et al. 1993, Reyome 1993, Leiter / Johnsen 1994, Perez / Widom 1994, Zolotor et al. 1999, Erickson / Egeland 2002, Suess-Burghart 2002). Für Forschungsüberblicke s. Cicchetti et al. 1994, Staudt 2001. Unterdurchschnittliche Fähigkeiten und Leistungen wurden bei vernachlässigten Kindern selbst dann gefunden, wenn als Kontrollgruppe Kinder aus Familien mit einem Einkommen an oder unter der Armutsgrenze verwendet wurden (z.B. Reyome 1993, Leiter / Johnsen 1994). Eine systematische Analyse der berichteten Effektstärken in der Literatur liegt noch nicht vor. Die beobachteten Effekte scheinen aber stark genug, dass betroffene Kinder im Mittel in den Bereich der Lernbehinderung fallen (z.B. Suess-Burghart 2002) bzw. im Fähigkeitsniveau in Kernfächern einen Abstand von etwa einem Schuljahr zu ihren Mitschülern aufweisen (z.B. Eckenrode et al. 1993). Unterdurchschnittliche Fähigkeiten vernachlässigter Kinder lassen sich häufig bereits zu Beginn der Schulzeit beobachten (z.B. Rowe / Eckenrode 1999) und scheinen überwiegend bis zum Ende der Schulzeit bestehen zu bleiben (z.B. Perez / Widom 1994). Weiterhin zeigt sich ein Dosiseffekt mit deutlicheren Beeinträchtigungen bei schwereren Formen von Vernachlässigung.
26 In der vorliegenden Literatur wird sowohl im Hinblick auf Sonderbeschulung als auch im Hinblick auf das Wiederholen eines Schuljahres ein Riskratio von etwa zwei angegeben, d.h. im Vergleich zu nicht vernachlässigten Kindern ist das Risiko bei vorliegender Vernachlässigung in etwa verdoppelt (z.B. Eckenrode et al. 1993, Kurtz et al. 1993, Reyome 1993, Perez / Widom 1994, Jonson-Reid et al. 2004). Aufgrund von Unterschieden in den Schulsystemen ist jedoch unklar, inwieweit in der Bundesrepublik nicht stärkere Effekte angenommen werden müssen.
27 Entsprechende Befunde wurde etwa von Allen / Oliver 1982, Hoffmann-Plotkin / Twentyman 1984, Fox et al. 1988, Erickson et al. 1989 sowie Culp et al. 1991 vorgelegt. Die Befunde einer deutschen Untersuchung (Weindrich / Löffler 1990), in der die meisten vernachlässigten Kinder allerdings zusätzlich Misshandlungen erfahren hatten, zeigten Übereinstimmung mit dem internationalen Forschungsstand. Wiederholt wurde berichtet, dass sich bei chronischer Vernachlässigung der Entwicklungsabstand zu nicht vernachlässigten Kindern mit zunehmendem Alter zunehmend vergrößerte (z.B. Erickson et al. 1989).
29 Für den Zusammenhang zwischen erzieherischer Vernachlässigung und der Entwicklung ausagierenden Sozialverhaltens s. Knutson et al. 2004, für den Zusammenhang zwischen ausagierendem Sozialverhalten und einer Verschlechterung der Schulleistungen s. Hinshaw 1992.
30 In Beobachtungsstudien fielen etwa vernachlässigte Kinder bereits in den ersten Lebensjahren in Aufgabensituationen durch eine geringe Ausdauer, wenig Enthusiasmus, eher geringe Kreativität und auch eine geringe Fähigkeit, die Hilfestellung von Erwachsenen angemessen zu nutzen, auf (z.B. Egeland et al. 1983, Harmon et al. 1984, Aber / Allen 1987). In Längsschnittstudien entwickelte sich hieraus ein geringes schulisches Engagement, das einen Teil der Fähigkeitsdefizite von vernachlässigten Kindern erklären konnte (Shonk / Cicchetti 2001).
31 Zwischen dem Anregungsgehalt der häuslichen Umgebung und der kognitiven Entwicklung von Kindern haben sich moderate bis starke Zusammenhänge ergeben (für eine Forschungsübersicht s. Bradley 1993), die überwiegend nicht durch geteilte genetische Merkmale von Eltern und Kindern erklärt werden können (Cleveland et al. 2000). Ein geringer Anregungsgehalt der familiären Umwelt wurde wiederholt bei vernachlässigten Kindern beobachtet (z.B. Dubowitz et al. 2002), ebenso häufige familiäre Veränderungen. Beide Merkmale können es Kindern erschweren, schulische und andere äußerfamiliäre Bildungsangebote zu nutzen. In Längsschnittstudien konnten daher beide Merkmale einen Teil des Zusammenhangs zwischen Vernachlässigung und Beeinträchtigungen der kognitiven bzw. schulischen Entwicklung erklären (z.B. Eckenrode et al. 1995).
32 Vgl. Egeland / Sroufe 1981, Lyons-Ruth et al. 1984, Schneider-Rosen / Cicchetti 1984, Valenzuela 1990, Crittenden 1992.
33 Z.B. Chisholm 1998, O’Connor et al. 2003, Zeanah et al. 2004.
34 Die Raten der sicher gebundenen vernachlässigten Kinder lagen in den vorliegenden Studien überwiegend unter zehn Prozent. Bemerkenswerterweise zeigte sich in der Minnesota-Längsschnittstichprobe (Egeland / Sroufe 1981), dass ein relativ hoher Anteil der nur körperlich vernachlässigten Kinder mit zwölf Monaten noch sehr deutliche Bindungssignale ausgesandt hatte, dies am Ende des zweiten Lebensjahres aber resigniert aufgegeben hatte.
35 Desorganisation in Bindungsbeziehungen zeichnet sich durch Widersprüchlichkeit oder Anzeichen von Verwirrung bzw. Angst im kindlichen Verhalten gegenüber einer Bindungsperson aus. Dies wird als Ausdruck eines für Kleinkinder unlösbaren Konfliktes gedeutet, der entsteht, wenn sich Kinder bei Belastung auf eine Bindungsperson hin orientieren, diese jedoch aufgrund der Beziehungsgeschichte für das Kind weniger eine Quelle von Sicherheit darstellt, sondern eher zusätzlich Belastung und Furcht auslöst. Da der Aufbau mindestens einer organisierten, möglichst sicheren Bindungsbeziehung zu den wesentlichen Entwicklungsaufgaben eines Kindes in den ersten Lebensjahren zählt, wurde eine desorganisierte Bindungsbeziehung zur Hauptbetreuungsperson in den ersten Lebensjahren als ernsthafter Risikofaktor für die gesunde Persönlichkeitsentwicklung eines Kindes interpretiert. Im Verhalten gegenüber der Bindungsperson mündet eine frühkindliche Desorganisation häufig in kontrollierende Verhaltensmuster, d.h. betroffene Kinder versuchen in Form einer Rollenumkehr Verantwortung für die Bindungsperson zu übernehmen und auf diese Weise emotionale Sicherheit zu erlangen (für Forschungsübersichten s. van Ijzendoorn et al. 1999, Lyons-Ruth / Jacobvitz 1999, Zulauf-Logoz 2004). Sehr hohe Raten an Bindungsbeziehungen mit Merkmalen von Desorganisation fanden sich in mehreren Stichproben, in denen die Mehrzahl der beteiligten Kinder Vernachlässigung erfahren hatte (z.B. Carlson et al. 1989).
36 Für eine Forschungsübersicht zur Entwicklung von Bindungsbeziehungen in Pflegefamilien nach Kindeswohlgefährdung s. Kindler / Lillig 2004. Einen Überblick über das Feld der Bindungsstörungen geben u.a. O’Connor 2002, Zeanah / Boris 2000 und Brisch 1999. Gegenwärtig werden vor allem zwei Unterformen (reaktive Bindungsstörung und Bindungsstörung mit Enthemmung) unterschieden, die sich durch eine sehr gehemmte Bindungsbereitschaft bzw. eine ausgeprägte Distanzlosigkeit und unterschiedslose Kontaktbereitschaft gegenüber vertrauten und unvertrauten Erwachsenen auszeichnen. Bei einer Fremdunterbringung nach sehr schweren Formen der Vernachlässigung scheinen Anzeichen der Bindungsstörung bei einem Drittel oder mehr der betroffenen Kinder vorzukommen (z.B. Zeanah et al. 2004, O’Connor et al. 2003).
37 Vgl. McCrone et al. 1994, Waldinger et al. 2001.
38 Z.B. Erickson et al. 1989, Crittenden 1992, Manly et al. 2001.
39 Z.B. Bolger et al. 1998, Manly et al. 2001, Dubowitz et al. 2004.
41 Studien, die eine Berechnung von Effektstärken erlaubten und in denen gut erprobte, standardisierte Instrumente zur Einschätzung der Problembelastung verwendet wurden (Wodarski et al. 1990, Reyome 1993, de Paul / Arruabarrena 1995, Maughan / Cicchetti 2002), ergaben für den Bereich nach innen gerichteter Auffälligkeiten (Internalisierung) überwiegend starke Effekte und für den Bereich nach außen gerichteter Probleme (Externalisierung) überwiegend moderat starke Effekte. Die Effekte bestanden auch dann, wenn die Einschätzungen von Informanten außerhalb der Familie (z.B. Lehrkräfte) vorgenommen wurden. Auch zeigten sich Dosiseffekte, d.h. je chronischer und schwerwiegender die erfahrene Vernachlässigung war, desto stärker waren die betroffenen Kinder im Mittel mit Verhaltensauffälligkeiten belastet (z.B. Manly et al. 2001, Kinard 2004).
42 Vgl. Egeland 1997, Brown et al. 1999, Horwitz et al. 2001, Cohen et al 2001. Aus den von Brown et al. 1999 berichteten Zahlen lassen sich Riskratios berechnen. Demnach ist für alle Formen depressiver Erkrankungen das Risiko nach Vernachlässigung um den Faktor 2,6 erhöht, die Wahrscheinlichkeit mindestens eines Selbstmordversuchs steigt um den Faktor 2,8. Egeland 1997 berichtet Zahlen zum Anteil Betroffener mit mehr als einer psychiatrischen Diagnose im Jugendalter und beziffert diesen Anteil nach körperlicher Vernachlässigung bzw. emotionaler Vernachlässigung auf 54 bzw. 73 % in der Minnesota-Längsschnittstichprobe.