Inhalt

Prüfbögen Gefährdung

Gesetze

Glossar

AutorInnen

Material

Literatur

Datenbank (Betaversion)

21. Welche Rolle spielt soziale Benachteiligung in Bezug auf Kindeswohlgefährdung?

Elfriede Seus-Seberich

 

Definition und Häufigkeit sozialer Benachteiligung bei Kindern

Einkommen und Vermögen sind in Deutschland sehr ungleich verteilt – und diese soziale Ungleichheit hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Soziale Benachteiligung bedeutet mangelnde Teilhabe an gesellschaftlichen Möglichkeiten und Vollzügen. Das wichtigste Kennzeichen sozialer Benachteiligung ist Armut und bedeutet damit Unterversorgung in zentralen Bereichen. Dabei unterscheidet man absolute und relative Armut: Absolute Armut bedeutet einen Mangel an den überlebensnotwendigen Grundlagen wie Nahrung, Kleidung oder Wohnung. In Deutschland haben wir es überwiegend mit der relativen Armut zu tun, einem im Vergleich zur übrigen Bevölkerung eklatanten Mangel an materiellen Mitteln.

Relative Armut wird in der Regel durch zwei Maße gemessen: Nach der Armutsdefinition der Europäischen Union gilt als arm, wer weniger als 50 Prozent des gewichteten Äquivalenzeinkommens im jeweiligen Mitgliedstaat zur Verfügung hat. Ein zweites Kriterium ist Sozialhilfebezug bzw. ein Einkommen in oder unter der Höhe der Sozialhilfe (BMFSFJ 1999).

Neben der reinen Einkommensarmut geht das Lebenslagenkonzept von einer kumulativen Unterversorgung in mehreren – z.B. kulturellen oder sozialen – Lebensbereichen aus (Ressourcenarmut) und umschreibt damit recht gut, was soziale Benachteiligung bedeutet. Dabei sind bestimmte Bevölkerungsgruppen in besonderem Maße einem Armutsrisiko ausgesetzt: „Kinder und Jugendliche stellen in der Bundesrepublik Deutschland inzwischen diejenige Altersgruppe dar, die am häufigsten von Armutsrisiken betroffen ist“ (Robert Koch-Institut 2001, S. 1). Der Elfte Kinder- und Jugendbericht geht davon aus, dass jedes siebte Kind zumindest zeitweilig in Einkommensarmut aufwächst (BMFSFJ 2001, S. 141), während nach Chassé (2000) jeder Zehnte in der Gesamtbevölkerung arm ist.

Kinderarmut ist verbunden mit Familienarmut und es gibt Konstellationen, bei denen Armut besonders häufig vorkommt, nämlich vor allem bei allein Erziehenden, Kinderreichtum, Migration und Arbeitslosigkeit. Nach einer gemeinsamen Studie der Arbeiterwohlfahrt und des Institutes für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (AWO-ISS-Studie) sind Kinder allein Erziehender und aus kinderreichen Familien häufiger arm; Berufstätigkeit eines oder beider Elternteile reduziert das Armutsrisiko. Das heißt, gelingt es Eltern, Kindererziehung mit Erwerbsarbeit zu verbinden, so sinkt das Armutsrisiko deutlich. Migrantenkinder sind doppelt so häufig arm wie deutsche Kinder, wobei Kinder mit EU-Staatsbürgerschaft oder türkische Kinder nur geringfügig über dem Durchschnitt liegen, während Kinder mit unsicherem Aufenthaltsstatus (Flüchtlinge, Asylbewerber) besonders stark von Armut betroffen sind (Hock et al. 2000, Holz / Hock 1999, Holz / Skoluda 2003).

 

Wirkungen von Armut und sozialer Benachteiligung auf Kinder und Jugendliche

Die deutsche Armutsforschung hat Kinder bisher vernachlässigt. Dennoch gibt es eine Reihe empirischer Befunde, die zeigen, dass Armut ein beträchtliches Entwicklungsrisiko darstellt. Sie kann bei Kindern zu Entwicklungsdefiziten, Unterversorgung und sozialer Ausgrenzung führen (Weiß 2000, Hock / Holz 2000, Holz / Skoluda 2003, Laucht / Esser / Schmidt 2000).

Bei kleinen Kinder spielt die Gefahr der Vernachlässigung eine besondere Rolle; Schone (2000) weist darauf hin, dass das Risiko der Vernachlässigung umso größer ist, „je geringer die finanziellen und materiellen Ressourcen (materielle Dimension)“ sind (S. 75); das Risiko steigt, wenn weitere Gefährdungsfaktoren hinzukommen. 90 Prozent der vernachlässigten Kleinkinder entstammen armen Familien (von Hofacker 2000). Auch Gewalt gegen Kinder kommt in Armutsfamilien häufiger vor.

Soziale Benachteiligung bedeutet allgemein auch eine schlechtere Gesundheit (Robert Koch-Institut 2003) sowie häufigeres Auftreten von Behinderungen. So werden Vorsorgeuntersuchungen in Armutsfamilien deutlich seltener in Anspruch genommen. Armutsbetroffene Kinder sind doppelt so häufig behindert wie Kinder in besser gestellten Familien, und zwar in allen Behinderungsformen (Weiß 2004, 11. Kinder- und Jugendbericht 2001).

Am besten belegt ist ab dem Kindergartenalter der Zusammenhang von sozialer Benachteiligung und gehemmter intellektueller Entwicklung, der bezogen auf Deutschland auch in der PISA-Studie bestätigt wurde. Besonders deutlich sind die Befunde, wenn die Unterversorgung zentrale Lebensbereiche betrifft und schwerwiegend ist, wenn sie in den frühen Lebensjahren besteht, länger andauert und wenn zusätzliche Risikofaktoren vorhanden sind (vgl. Weiß 2003, Holz et al. 2000).

Auf den Zusammenhang zwischen Armut und Jugendkriminalität weist Pfeiffer (1997) mehrfach hin; dabei nehmen junge Aussiedler mit Sprach-und Eingliederungsproblemen eine besondere Rolle ein.

Differenziert betrachtete die AWO-ISS-Studie den Zusammenhang von Armut und verschiedenen Dimensionen der Deprivation bei Kindergarten- und Grundschulkindern. Die Wirkungen von Armut auf die Kinder beschreibt diese Studie in Bezug auf vier Dimensionen:

  1. Arme Kinder sind häufiger materiell unterversorgt. Ein wichtiges Indiz ist verspätetes und unregelmäßiges Bezahlen von Essensgeld u.Ä.

  2. Ein Drittel armer Vorschulkinder ist im Unterschied zu einem Fünftel nicht armer Vorschulkinder gesundheitlich beeinträchtigt, und zwar besonders dann, wenn zusätzlich elterliche Streitigkeiten häufig sind und selten familiäre Aktivitäten am Wochenende stattfinden.

  3. Arme Kinder sind mehr als doppelt so häufig im kulturellen Bereich (Spiel-, Sprach- und Arbeitsverhalten im Kindergarten) auffällig wie nicht arme Kinder; sie werden deutlich häufiger vom Schulbesuch zurückgestellt.

  4. Im sozialen Bereich sind arme Kinder doppelt so häufig auffällig wie nicht arme Kinder; hierbei scheinen die Sprachkenntnisse der Eltern, deren Staatsangehörigkeit, das Familienklima und das Ausmaß gemeinsamer familiärer Aktivitäten eine bedeutsame Rolle zu spielen.

Die AWO-ISS-Studie beschreibt drei Lebenslagentypen von Kindern:

Gut ein Drittel der armen Kinder war multipel depriviert im Gegensatz zu jedem siebten nicht armen Kind. Die ungünstigste Konstellation liegt vor, wenn Armut gekoppelt ist mit geringer Zuwendung seitens der Eltern. Allerdings gibt es multipel deprivierte Kinder auch in nicht armen Familien und Armut allein ist nicht in jedem Fall mit Beeinträchtigungen der Kinder verbunden: 24 Prozent der armen Kinder wiesen keine Beeinträchtigungen auf; andererseits waren 14 Prozent der Kinder in besser gestellten Haushalten von multipler Deprivation betroffen. Das heißt, es gibt Faktoren, die die Wirkung von Armut auf die Kinder abfedern, z.B. Deutschkenntnisse mindestens eines Elternteils, keine Überschuldung, ausreichend Wohnraum, gutes Familienklima und gemeinsame Familienaktivitäten. Bei Kindern ohne gesicherten Aufenthaltsstatus fehlen diese Schutzfaktoren besonders häufig (Hock / Holz / Wüstendorfer 2000, Holz / Skoluda 2003).

In der Mannheimer Risikokinderstudie (vgl. Laucht / Esser / Schmidt 2000) werden organische und psychosoziale Belastungen getrennt und in ihrer Wechselwirkung betrachtet. Psychosoziale Risikofaktoren – dazu zählen u.a. materielle Notlage, Kriminalität oder Erkrankung eines Elternteils sowie chronische Disharmonie in der Familie – wirken sich vor allem im Bereich der kognitiven und der sozioemotionalen Entwicklung aus; Risikofaktoren kumulieren in ihrer Auswirkung. In psychosozial benachteiligten Verhältnissen lebende Kinder sind besonders gefährdet, da sich in diesem Milieu Entwicklungsgefährdungen und daher auch Entwicklungsprobleme häufen. Allerdings führten auch hier schlechte Startbedingungen nicht notwendigerweise zu einem schlechten Entwicklungsresultat – sie können durch Ressourcen der Familie oder des Kindes selbst abgemildert werden.

Lösel und Bender (1999a) benennen als Risikofaktoren, die häufig im Kontext von Armut auftreten und deren Wirkung verstärken: instabile Bezugspersonen, inkonsistenter Erziehungsstil, fehlende Beaufsichtigung des Kindes (Monitoring), Suchtabhängigkeit, Gewalt, Misshandlung, Vernachlässigung und Delinquenz in der Familie. Bei Jugendlichen kommen noch Einflüsse aus der Peergroup hinzu: Ablehnung durch Gleichaltrige oder Zugehörigkeit zu einer Clique, die die Normen der Gesellschaft ablehnt, verstärken das Risiko zu delinquentem Verhalten (Baving 1999). Wesentliche Resilienzfaktoren sind neben individuellen Faktoren wie „günstiges Temperament“, also Flexibilität und Soziabilität, vor allem die stabile emotionale Beziehung zu einer Bezugsperson, ein stützendes Familienklima sowie aktives Bewältigungsverhalten. Von wesentlicher Bedeutung ist aber auch der Kohärenzsinn, d.h. das Gefühl, dass es Zusammenhang und Sinn gibt und dass Probleme lösbar sind.

Weiß (2001) formuliert die Bedeutung von Armut für Kinder folgendermaßen:

Die Stressbelastung in Armutsfamilien verhindert oft ein adäquates elterliches Verhalten, umgekehrt ist eine stabile, sichere Eltern-Kind-Bindung einer der wesentlichsten Schutzfaktoren für die Widerstandsfähigkeit gegenüber Risikofaktoren.

 

Folgerung

Soziale Benachteiligung im Sinne von Ressourcenarmut ist ein Vorhersagefaktor für Gefährdungen des Kindeswohls; nicht die Armut an sich, sondern dadurch mitbedingte Verhaltensweisen der Eltern und mit Armut verbundene weitere Risikofaktoren vermitteln die Folgen an die Kinder. Für die Soziale Arbeit sollte daher gelten, bei Familien mit materiellen Problemen, vor allem bei Vorliegen weiterer Risikofaktoren, immer die Situation der Kinder im Blick zu haben, auch wenn diese von den Eltern selbst nicht problematisiert wird.