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 20. In welchen Situationen kommt es vor allem zu Kindeswohlgefährdungen?

Claudia Reinhold / Heinz Kindler

 

Situationsanalyse und Verständnis von Kindeswohlgefährdung

In der Elternberatung bei Fällen von Kindeswohlgefährdung spielen auslösende Situationen eine große Rolle. Beispielsweise wird in der Beratung häufig besprochen, in welchen Situationen ein Elternteil einen großen Ärger auf das Kind in sich aufsteigen fühlt oder den Wunsch verspürt, sich aus den Anforderungen der Elternrolle zurückzuziehen.

Im Unterschied dazu werden die Situationen, in denen es zu einer Kindeswohlgefährdung gekommen ist, in der Forschung gegenwärtig relativ wenig beachtet.1 Zu den Gründen hierfür zählt der Befund, dass in der Regel bei Misshandlung und Vernachlässigung die Anlass gebenden Situationen nicht oder nicht sehr weit aus dem Bereich üblicher Erfahrungen von Eltern herausfallen, d.h. die meisten Eltern, die vergleichbare Situationen mit ihren Kindern erleben, können diese ohne Kindeswohlgefährdung bewältigen.2 Innerfamiliärer sexueller Missbrauch wiederum wird grundsätzlich eher als Ergebnis planvollen Verhaltens des Täters gesehen, sodass hier allenfalls den Missbrauch ermöglichende und den Verlauf beeinflussende Faktoren 3 in den situativen Umständen vermutet werden. Vor diesem Hintergrund, der die eingeschätzte ursächliche Bedeutung von Situationen für die Entstehung von Gefährdungen stark relativiert hat, lassen sich mehrere Arten unterscheiden, wie Entstehungssituationen in der Forschung zum Thema werden:

 

Der unmittelbare Situationskontext von Gefährdungsereignissen

Die unmittelbare Situation bei Gefährdungsereignissen ist nur in einer kleinen Anzahl an Studien untersucht worden.4 Am leichtesten und häufigsten waren bei körperlicher Kindesmisshandlung im Vergleich zu Vernachlässigung und psychischer Kindesmisshandlung unmittelbare Auslöser in der Situation zu erkennen. Diese Auslöser lagen auch eher im kindlichen Verhalten, während bei Vernachlässigung und psychischer Kindesmisshandlung andere Ereignisse (z.B. Partnerschaftskonflikte) eine größere Rolle spielten. Auslöser im kindlichen Verhalten veränderten sich mit dem Alter betroffener Kinder. Während in den ersten Lebensjahren Ereignisse, wie etwa ein anhaltendes Weinen des Kindes oder eine Verweigerung bei der Nahrungsaufnahme, häufig als Auslöser genannt wurden, traten im Kindergartenalter Autoritätskonflikte und Regelübertretungen deutlicher hervor. In der mittleren Kindheit und im Jugendalter behielten diese beiden Bereiche ihre Bedeutung, hinzu traten Autonomiekonflikte (z.B. Eingehen gegengeschlechtlicher Freundschaften gegen elterlichen Willen). Der relativ hohe Anteil von Vorfällen körperlicher Kindesmisshandlung, die aus disziplinarischen Auseinandersetzungen um identifizierbare kindliche Fehlverhaltensweisen resultierten, hat teilweise dazu geführt, körperliche Kindesmisshandlung als situativ entgleisende Erziehungsversuche des misshandelnden Elternteils zu beschreiben.5 Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass dies nicht die einzige Form der Situationsgenese von Misshandlungen darstellt. In einer nicht geringen Anzahl an Fällen wurde von misshandelnden Eltern berichtet,6 sie hätten zielgerichtet und ohne unmittelbar vorangegangene Eskalation Bestrafungen durchgeführt, die als Misshandlung angesehen werden müssen, um dem Kind eine aus ihrer Sicht erforderliche „Lektion“ zu erteilen. Für innerfamiliären sexuellen Missbrauch zeigen vorliegende Analysen aus der Sicht von Tätern und Opfern7 ein Überwiegen von Situationen, in denen normale kindliche Aktivitäten (z.B. Spiel) oder besondere Vertrauenssituationen (z.B. Zu-Bett-Bringen) für Übergriffe genutzt wurden, die teilweise durch den Aufbau einer besonders engen Beziehung, das Austesten von Grenzen und eine zunehmende Isolierung des Kindes vorbereitet wurden.

 

Besonderheiten im Situationserleben bei Eltern, die das Wohl eines Kindes gefährden

Unterschiede im elterlichen Erleben des Kindes können als Grundlage für Unterschiede im Handeln zwischen Eltern angesehen werden.8 Entsprechend wurden bei misshandelnden und vernachlässigenden Eltern Besonderheiten in Wahrnehmungsprozessen gefunden. Diese Besonderheiten bezogen sich auf die Vollständigkeit der Wahrnehmung kindlicher Signale 9 sowie teilweise auf Verzerrungen in der Selbst- und Fremdwahrnehmung.10 Weiterhin traten Besonderheiten in physiologischen Reaktionen auf Belastungen und Konflikte im Umgang mit Kindern zu Tage.11 Diese Ergebnisse reihen sich in weitere Befunde ein, die Prozesse der sozialen Informationsverarbeitung bei misshandelnden und vernachlässigenden Eltern untersucht (vgl. Frage 18) und Ansatzpunkte für Interventionen aufgezeigt haben (vgl. Fragen 18 und 93). Bei (sozialen) Vätern, die einen innerfamiliären sexuellen Missbrauch begangen haben, fanden sich im Mittel, wenngleich nicht in jedem Einzelfall, Wahrnehmungsbesonderheiten in Form einer sexualisierten Wahrnehmung von Kindern, einer idealisierten Selbstwahrnehmung und eines Ausblendens von kindlichen Belastungsanzeichen im Zusammenhang mit Missbrauchshandlungen.12

 

Veränderliche Einflüsse auf Situationen mit Kindeswohlgefährdung

An veränderlichen, also dynamischen Einflüssen auf Gefährdungssituationen wurde bislang vor allem die Rolle von Alkoholkonsum und akuter Stressbelastung untersucht, obwohl auch weitere Faktoren, wie etwa die Stimmung, potenziell von Bedeutung sein können. Bezüglich des Konsums von Alkohol in Gefährdungssituationen deuten epidemiologische Befunde13 darauf hin, dass in einer substanziellen Minderheit der Gefährdungsereignisse der betreffende Elternteil Alkohol getrunken (z.B. Roizen 1997: 13 Prozent der Misshandlungsereignisse) oder ein anderes Suchtmittel konsumiert hatte. Nach gegenwärtigem Wissensstand14 kann der Konsum von Alkohol Gefährdungsereignisse u.a. deshalb wahrscheinlicher machen, weil die Fähigkeit zur Wahrnehmung kindlicher Signale, zur Vorausschau auf Folgen eigenen Handelns und zur Hemmung aggressiver Impulse angesichts von Frustrationen eingeschränkt wird, während die Risikobereitschaft steigt. Im Hinblick auf die akute Stressbelastung lässt sich auf generelle Zusammenhänge zur Reizbarkeit, Strafbereitschaft und der verminderten Bereitschaft, auf kindliche Signale einzugehen, hinweisen (vgl. Frage 19). Auch besteht ein situativer Zusammenhang zwischen dem akuten Gefühl der Belastung und dem Auftreten intensiver negativer Gefühle, die sich bei Eltern mit Schwierigkeiten bei der Impulskontrolle und einer Verantwortungszuschreibung an das Kind aggressiv gegen dieses richten können.15

 

Situation und Situationserleben als Thema in Beratung und Therapie nach Kindeswohlgefährdung

Für die Beratung und Therapie ist die gemeinsame Analyse von Situationen, in denen es zu Gewalt, Vernachlässigung oder Missbrauch gekommen ist, von großer Bedeutung, da auf diese Weise konkret über diejenigen elterlichen Wahrnehmungs-, Empfindungs- und Handlungsmuster gesprochen werden kann, die im Einzelfall das Auftreten einer Kindeswohlgefährdung begünstigen. Auch in der Rückfallverhütung16 nach sexuellem Missbrauch spielt die konkrete Einübung der Vermeidung von Situationen, die einen erneuten Übergriff begünstigen könnten, eine große Rolle. Weiterhin können auf die Situation bezogene Maßnahmen (z.B. Stressentlastung durch angebotene Kinderbetreuung, polizeiliche Wegweisung eines alkoholabhängigen, gewalttätigen Elternteils) unter Umständen kurzfristig die Gefährdung senken und damit Zeit für zwangsläufig langsamere Beratungsprozesse schaffen. Zugleich kann eine starke Situations- und Krisenorientierung in der Beratungsarbeit mit Eltern, die das Kindeswohl gefährden, aber auch Gefahren beinhalten. Diese Gefahren liegen in einer möglichen Unterschätzung überdauernder persönlicher oder familiärer Merkmale, die immer wieder zu einem Auftreten von Krisen führen.17

 

Weiterführende Literatur

Bugental D.B., Blue J. & Cruzcosa M. (1989). Perceived control over caregiving outcomes: Implications for child abuse. Developmental Psychology, 25, 532-539.

Kadushin A. & Martin J.A. (1981). Child Abuse: An Interactional Event. New York:
Columbia University Press.

Widom C.S. & Hiller-Sturmhöfel S. (2001). Alcohol abuse as a risk factor for and consequence of child abuse. Alcohol Research and Health, 25, 52-57. 

 

Anmerkungen

1 Analysen der unmittelbaren Situationsbedingungen bei bedeutsamen Gefährdungsereignissen fehlen etwa in aktuellen Forschungsübersichten zur Ätiologie (Entstehung) von Misshandlung, Vernachlässigung oder Missbrauch vollständig oder nehmen einen nur geringen Raum ein (z.B. Bender / Lösel 2005, Belsky / Stratton 2002, Erickson / Egeland 2002, Engfer 2002, Kolko 2002). Viele hierzu vorliegende empirische Arbeiten sind bereits älteren Datums. Das vor allem in der Kriminologie neu erwachende Interesse an Situationsanalysen (z.B. Wilkinson / Hamerschlag 2005) ist noch nicht auf den Forschungsbereich Kindeswohlgefährdung übergesprungen.

2 Beispielsweise können Autoritätskonflikte mit Vorschulkindern, die auch in durchschnittlichen Familien in der Regel mehrmals täglich auftreten (z.B. Power / Manire 1992), in Misshandlungsfamilien gewalttätige Übergriffe auslösen (z.B. Kadushin / Martin 1981). Auch Kinder, die aufgrund von Störungen (z.B. frühkindliche Regulationsstörungen, Störung des Sozialverhaltens) oft Verhaltensweisen mit erheblicher Belastungswirkung für Eltern zeigen, werden in ihrer Mehrzahl nicht misshandelt (vgl. Frage 17), Gleiches gilt für Eltern in schwierigen sozioökonomischen Lebensumständen (vgl. Fragen 19 und 21).

3 Beispielsweise rückt die weit verbreitete Theorie von Finkelhor 1984 zur Entstehung von sexuellem Missbrauch das Erleben von sexueller Erregung durch den Täter in Bezug auf ein Kind sowie die emotionale Kongruenz des Übergriffs für ihn in den Mittelpunkt der Ätiologie. Die zumindest in Teilen vom Täter bewusst gestaltete Übergriffssituation ist dann wichtig dafür, inwieweit ein Täter bei dieser Gelegenheit innere und äußere Hemmnisse sowie den Widerstand des Kindes überwinden kann. Die Situation ist damit eng an die Absicht des Täters gekoppelt, durch sie geprägt und spielt vor allem bei der Ausgestaltung des Übergriffs eine Rolle. Entsprechend dieser Perspektive versehen beispielsweise Brockhaus / Kolshorn 1993 den entsprechenden Teil ihres Buches mit der Überschrift „Die Täter – Bewusstes Kalkül“.

4 Hierzu zählen amerikanische Untersuchungen von Kadushin / Martin 1981 sowie Herrenkohl et al. 1983, die beide allerdings sexuellen Missbrauch ausgespart haben. Als Informationsquellen wurden die Gewalt ausübenden Elternteile bzw. die betreuenden Fachkräfte aus der Sozialen Arbeit herangezogen. In der deutschsprachigen Literatur finden sich etwa bei Wahl 1990 zwei Fallbeispiele, in denen die Situation bei einer körperlichen Kindesmisshandlung aus Sicht des Gewalt ausübenden Elternteils beschrieben wird.

5 Beispielsweise sehen Bugental et al. 1989 sowie Trickett / Kuczynski 1986 in einer eskalierenden Erziehungssituation einen Moment, der zu einer körperlichen Kindesmisshandlung führen kann. In die gleiche Richtung argumentieren Greenwald et al. 1997.

6 Für eine Beschreibung entsprechender Fälle s. etwa Kadushin / Martin 1981.

7 Z.B. Elliot et al. 1995, Berliner / Conte 1990, für eine Übersicht über die bislang vorliegenden mehr als acht Studien s. Kindler 2003, S. 24 ff.

8 Aus der Perspektive von Ansätzen, die als sozialkognitive Theorie oder Theorie der sozialen Informationsverarbeitung bezeichnet werden (z.B. Crick / Dodge 1994), lässt sich ein immer wiederkehrender Handlungszyklus beschreiben, der mit der Wahrnehmung einer sozialen Situation beginnt und sich über Prozesse der Situationsbewertung, der Generierung von Handlungsmöglichkeiten und Zielen über die Auswahl einer Handlung bis zu deren Umsetzung fortsetzt und durch in der Persönlichkeit verankerte, relativ gefestigte kognitiv-emotionale Strukturen beeinflusst wird. Anwendungen dieses Ansatzes auf elterliches Verhalten im Kontext von Kindeswohlgefährdung erfolgten u.a. durch Milner 2000.

9 Verschiedene Studien (z.B. Reid et al. 1987, Trickett / Kuczynski 1986) zeigten etwa, dass misshandelnde Elternteile Fehlverhaltensweisen von Kindern eher wahrnehmen und positive Veränderungen im kindlichen Verhalten eher übersehen, während vernachlässigende Eltern kindliche Signale, die Kommunikations- und Fürsorgebedürfnisse des Kindes anzeigen, weniger wahrzunehmen scheinen.

10 In einigen, aber nicht allen hierzu vorliegenden Arbeiten zeigte sich, dass misshandelnde und vernachlässigende Eltern die Bedeutung emotionaler kindlicher Signale nicht sehr treffsicher einschätzen konnten (z.B. Kropp / Haynes 1987) und daher vermutlich auch häufiger enttäuschende Reaktionen des Kindes auf ihre Handlungsweisen erlebten.

11 Beispielsweise deutete bereits eine frühe Untersuchung (Frodi / Lamb 1980) darauf hin, dass misshandelnde Eltern physiologisch stärker auf kindliche Signale reagieren und eine größere Bandbreite an kindlichen Signalen als unangenehm empfinden. Spätere Untersuchungen (z.B. Lin et al. 2002) haben dann Zusammenhänge zu Überzeugungen und Selbstbild, etwa zur empfundenen Hilflosigkeit, hergestellt.

12 Für Forschungsübersichten s. Rice / Harris 2002, Ward et al. 1997.

13 Für eine Forschungsübersicht s. Roizen 1997.

14 Für Forschungsübersichten s. Leonard 2002, Widom / Hiller-Sturmhöfel 2001. Die Diskussion um Auswirkungen akuter Alkoholintoxikation auf das Risiko von Kindeswohlgefährdung ist eingebettet in eine umfangreiche empirische Literatur über den Zusammenhang zwischen Alkohol und Gewaltbereitschaft (für eine Forschungsübersicht s. Bushman 1993). Für Zusammenhänge zwischen anderen Suchtmitteln und Gewaltrisiko s. Hoaken / Stewart 2003.

15 Vgl. Mammen et al. 2002, Martini et al. 2004.

16 Vgl. Polaschek 2003, Laws 1989.

17 In der als „desorganisierter Vernachlässigungstyp“ bezeichneten Untergruppe von Vernachlässigungsfamilien (vgl. Frage 3) werden Krisen etwa auch deshalb immer wieder produziert, um dem Hilfesystem die anhaltende Bedürftigkeit der Familie zu signalisieren. Generell sprechen die gut abgesicherten Befunde zur Möglichkeit von Risikoprognosen in Gefährdungsfällen (vgl. Frage 70, Kindler 2003, 2005) für die Bedeutung relativ überdauernder Risikofaktoren, die gleichsam unter der Oberfläche einer in steter Wandlung begriffenen familiären Situation wirken. In gleiche Richtung deuten Befunde zur Epidemiologie wiederholter Gefährdung (z.B. DePanfilis / Zuravin 1999).