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19. Was ist über familiäre Kontexte, in denen Gefährdungen auftreten, bekannt?

Claudia Reinhold / Heinz Kindler

 

In Verbindung mit dem Aufkommen eines „ökologischen“1 Ansatzes in der Forschung zu verschiedenen Formen der Kindeswohlgefährdung wurde vermehrt nach der Bedeutung der familiären Lebensumstände für die Entstehung von Kindeswohlgefährdung gefragt. Dabei wurden u.a. Grobindikatoren der sozialen Lage von Familien, wie etwa Familienstruktur und Einkommen, herangezogen. Häufiger wurden jedoch näher am Erleben der Eltern angesiedelte Aspekte untersucht, vor allem Stressbelastung und soziale Unterstützung, Partnerschafts- und Arbeitssituation sowie psychologische Merkmale des Familiensystems als Ganzes.

 

Familienstruktur und sozioökonomische Situation

Die Fachkräfte des ASD treffen bei der Bearbeitung von Gefährdungsfällen überwiegend auf Familien, die mit lohnersetzenden Transfereinkommen auskommen müssen und in denen die betroffenen Kinder nicht mit beiden leiblichen Elternteilen zusammenleben.2 Die betroffenen Kinder wachsen daher mehrheitlich in Einkommensarmut auf und erleben vielfach den Kontaktverlust zu einem Elternteil bzw. die Notwendigkeit zur mehrfachen Anpassung an neue Beziehungskonstellationen bei den Eltern. Obwohl diese Umstände unstrittig Belastungsfaktoren im Leben von Kindern darstellen,3 kommt ihnen beim Verständnis der Entstehung von Kindeswohlgefährdung doch nur eine eher geringe Rolle zu, da für sich genommen die negativen Effekte eines Aufwachsens in Einkommensarmut und ohne beide Elternteile im Mittel weit unterhalb der Schwelle zur Kindeswohlgefährdung im Sinne des § 1666 BGB liegen und die überwiegende Mehrzahl aller Kinder, die unter solchen Umständen aufwachsen, keine Kindeswohlgefährdung erlebt.4 Zudem deuten einige Befunde darauf hin, dass auch Kinder aus sehr wohlhabenden Bevölkerungskreisen überdurchschnittlich häufig Entwicklungsbelastungen und Gefährdungen erleben (z.B. erzieherische Vernachlässigung), aber kaum je als Gefährdungsfälle in Erscheinung treten.5 Im Zuge international verbreiteter Programme zur Förderung der Arbeitsaufnahme bei einkommensschwachen Eltern wurde nach möglichen Auswirkungen solcher Programme auf die Auftretenshäufigkeit bedeutsamer Misshandlungs- und Vernachlässigungsereignisse gefragt. Nach bisherigem Kenntnisstand 6 könnte es sein, dass die im Mittel auftretenden positiven Wirkungen einer verbesserten Einkommenssituation für die kindliche Entwicklung als negative Nebenwirkung eine geringe Zunahme an Misshandlungs- und Vernachlässigungsfällen mit sich bringen.

 

Stressbelastung und fehlende soziale Unterstützung

Die Frage nach der Rolle der familiären Stressbelastung beim Zustandekommen von Kindeswohlgefährdung ist für die Praxis von erheblicher Bedeutung. Je größer die Rolle der Stressbelastung, desto erfolgversprechender ist der Einsatz von allgemein familienentlastenden Maßnahmen zur Verhinderung einer wiederholten oder fortgesetzten Kindeswohlgefährdung. Gegenwärtig liegen mindestens vier Längsschnittstudien 7 vor, in denen der Einfluss der allgemeinen Stressbelastung auf das Entstehen verschiedener Formen von Kindeswohlgefährdung überprüft wurde. In der Zusammenschau zeigen diese Untersuchungen einen eher schwachen und nicht durchgängig bestätigten Einfluss der allgemeinen Stressbelastung. Ein solcher, zumindest schwacher Einfluss ist inhaltlich plausibel, da in der allgemeinen Eltern-Kind-Interaktionsforschung Zusammenhänge zwischen der Stressbelastung von Eltern und einer erhöhten Reizbarkeit, Strafbereitschaft und einer verringerten Feinfühligkeit wiederholt belegt wurden und auch Zusammenhänge zu einem ansteigenden Misshandlungsrisiko hergestellt werden konnten.8 Um die Stressbelastung in Gefährdungsfällen zu verringern, wurden vielfach familienentlastende Maßnahmen9 vorgeschlagen und es wurde darauf hingewiesen, dass Familien, in denen es zu Misshandlung, Vernachlässigung oder zum innerfamiliären sexuellen Missbrauch eines Kindes kommt, im Vergleich zu Kontrollgruppen über deutlich weniger soziale Unterstützung berichten.10 Daher wurde angenommen, dass eine Förderung sozialer Unterstützung zu einer verringerten Stressbelastung in der Familie und nachfolgend zu einer verminderten Gefährdung führen kann. Da Interventionen zur Förderung sozialer Unterstützung im Hinblick auf die Prävention bzw. Intervention bei einer eingetretenen Kindeswohlgefährdung bislang jedoch allenfalls schwache Wirkungen gezeigt haben,11 ist auch vermehrt an die Möglichkeit zu denken, dass in vielen Fällen sowohl die Entstehung der Gefährdung als auch die fehlende soziale Unterstützung durch grundlegende Einschränkungen in den sozialen Fähigkeiten misshandelnder, vernachlässigender oder missbrauchender Elternteile verursacht wird (vgl. Frage 18).

 

Partnerschafts- und Arbeitssituation

Eine längere Zeit bestehende positive Partnerschaftsbeziehung kann Stressbelastungen abfedern, zum Aufbau positiver Beziehungserwartungen und Beziehungsmodelle beitragen und positive Weiterentwicklungen der Erziehungsfähigkeit anregen.12 Umgekehrt können anhaltende Partnerschaftskonflikte eine zusätzliche Belastung darstellen und vorhandene Erziehungsfähigkeiten, zumindest zeitweise, untergraben. Eine besondere Belastungswirkung scheint dabei von wiederholter Partnerschaftsgewalt auszugehen, die sich vor allem im Hinblick auf die Misshandlung von Kindern in mehreren Längsschnittuntersuchungen13 als einer der bedeutsamsten Risikofaktoren im Bereich der sozialen bzw. familiären Faktoren erwiesen hat. Wirkung entfaltet dieser Risikofaktor zum einen durch den Umstand, dass Elternteile, die gegen den / die PartnerIn Gewalt anwenden, häufig zugleich erhebliche Einschränkungen ihrer Erziehungsfähigkeit aufweisen.14 Zum anderen belastet die erfahrene Gewalt auch den anderen Elternteil erheblich und kann, vor allem im Zusammenspiel mit weiteren Risikofaktoren (z.B. Misshandlungserfahrungen in der Kindheit, depressive Verstimmung), zu zeitweisen Zusammenbrüchen der Fürsorgebereitschaft und aggressiven Übergriffen gegen das Kind führen.15

Die Forschung zur Arbeitssituation in Misshandlungs- und Vernachlässigungsfamilien hat sich auf den Aspekt der Arbeitslosigkeit konzentriert. Es wurde von hohen Raten an Langzeitarbeitslosigkeit bei betroffenen Müttern und Vätern berichtet, wenngleich Arbeitslosigkeit in Längsschnittstichproben nur einen schwachen Risikofaktor für eine anhaltende oder erneut auftretende Gefährdung darstellte.16 Die mit gering qualifizierten Tätigkeiten verbundenen Belastungen17 für Eltern wurden bislang noch kaum auf Zusammenhänge zur Entstehung von Kindeswohlgefährdung hin untersucht.

 

Psychologische Merkmale des Familiensystems bei Misshandlung, Vernachlässigung oder sexuellem Missbrauch

Familiensystemisches Denken hat in der Jugendhilfe eine weite Verbreitung erfahren, jedoch ist der Nutzen dieser Perspektive für das Verständnis der Entstehung von Kindeswohlgefährdung noch weitgehend ungeklärt. Eine Kernannahme ansonsten sehr vielfältiger familiensystemischer Theorien18 besagt, dass Familien als Ganzes Merkmale aufweisen, die das Verhalten und die Entwicklung ihrer Mitglieder beeinflussen und daher Ansatzpunkte für Interventionen darstellen können. Methodisch strenge Prüfungen familiensystemischer Annahmen im Kontext von Gefährdungsfällen stehen bislang noch aus.19 Zwei Beobachtungsstudien20 konnten aber feststellen, dass sich (zumindest nach dem Bekanntwerden einer Gefährdung) Familien, in denen es zu Vernachlässigung bzw. zum sexuellen Missbrauch eines Kindes gekommen war, von Kontrollfamilien durch ein geringeres Ausmaß an Selbstorganisation und ein stärkeres Zu-Tage-Treten von negativen Gefühlen unterschieden. In Studien21 zu selbst eingeschätzten Merkmalen der eigenen Familie schilderten Eltern nach Gefährdungsereignissen im Vergleich zu den Angaben von Kontrollfamilien nahezu durchgängig und weitgehend unabhängig von der Form der Gefährdung ein geringeres Maß an innerfamiliärem Zusammenhalt, mehr ungelöste Konflikte in der Familie und einen weniger offenen Ausdruck von Gefühlen. Auf dieser Grundlage ist es wahrscheinlich, dass familiensystemische Ansätze zumindest Zugänge zu Gefährdungsfamilien eröffnen und familienentlastend wirken können. Zusätzlich haben sich aktuell aus der Grundlagen- und Interventionsforschung 22 einige weiter gehende Hinweise auf die generelle Nützlichkeit familiensystemischer Betrachtungsweisen ergeben. So konnte etwa in mehreren Längsschnittstudien23 die Bedeutung klarer innerfamiliärer Grenzen zwischen der Eltern- und der Kindebene für die gedeihliche Entwicklung von Kindern aufgezeigt werden. Von daher verspricht eine Ausweitung familiensystemischer Forschung auf den Bereich kindeswohlgefährdender Familien wertvolle praxisrelevante Erkenntnisse. Rein spekulative Ansätze, wie sie früher etwa teilweise zum familiensystemischen Verständnis der Entstehung von innerfamiliärem sexuellem Missbrauch vorgetragen wurden, haben in der Vergangenheit allerdings einiges an berechtigter Kritik erfahren.24

 

Weiterführende Literatur

Magnuson K.A. & Duncan G.J. (2002). Parents in Poverty. In M.H. Bornstein (Ed.), Handbook of Parenting. Vol. 4: Social Conditions and Applied Parenting (2nd Ed.). Mahwah: Erlbaum, 95-121.

Münder J., Mutke B. & Schone R. (2000). Kindeswohl zwischen Jugendhilfe und Justiz. Professionelles Handeln in Kindeswohlverfahren. Münster: Votum.

Thompson R.A. (1995). Preventing Child Maltreatment Through Social Support. A Critical Analysis. Thousand Oaks: Sage.

 

Anmerkungen

1 Als „ökologisch“ wird ein Ansatz bezeichnet, der ausgehend von miteinander verbundenen und aufeinander aufbauenden Ebenen (z.B. unmittelbare Eltern-Kind-Beziehung, familiäres Umfeld, soziales und gesellschaftliches Umfeld) multiple Einflüsse annimmt, die gemeinsam und in Wechselwirkung zueinander betrachtet werden müssen, um ein angemessenes Verständnis zu erreichen. Bezogen auf kindliche Entwicklung wurde der ökologische Ansatz wesentlich von Bronfenbrenner formuliert (für eine Forschungsübersicht s. Bronfenbrenner / Morris 1998) und von dort aus auf den Bereich der Forschung zu Misshandlung und Vernachlässigung übertragen (für entsprechende Konzeptualisierungen s. Belsky 1993, Cicchetti et al. 2000, Belsky / Stratton 2002).

2 In einer Studie an mehr als 300 Fällen, in denen beim Familiengericht ein Verfahren nach § 1666 BGB anhängig war, fanden Münder et al. 2000 einen Anteil von 60 % der Familien, die ihr Einkommen ausschließlich aus lohnersetzenden bzw. -ergänzenden Mitteln (z.B. Sozialhilfe, Arbeitslosengeld) bestritten, weiter lebten weniger als 30 % der Kinder mit beiden Elternteilen. In Fällen bekannt werdender Vernachlässigung wurden teilweise bis zu 90 % der betroffenen Familien als arm eingeschätzt (vgl. Frage 21).

3 Zur Bedeutung eines Aufwachsens in Einkommensarmut s. Frage 21. Einen Überblick über den internationalen Forschungsstand geben Magnuson / Duncan 2002 sowie Brooks-Gunn / Duncan 1997. Eine deutschsprachige Übersichtsarbeit wurde u.a. von Walper 2002 vorgelegt. Der Wissensstand zu Auswirkungen von Trennungserfahrungen und Kontaktverlust zu einem Elternteil wird bei Amato 2001 und MacLanahan 1999 zusammenfassend erörtert. Für eine deutschsprachige Übersicht des Forschungsstandes zu den Auswirkungen eines vaterlosen Aufwachsens siehe Kindler / Grossmann 2004. Mit der Bedeutung mehrfach wechselnder Beziehungskonstellationen bei der Hauptbezugsperson eines Kindes haben sich u.a. Ackerman et al. 2002 beschäftigt.

4 Beispielsweise verneinten in der Befragungsstudie von Wetzels 1997, S. 149, auch 85 % der Erwachsenen aus der untersten sozioökonomischen Schicht körperliche Misshandlungen in der Kindheit. In der Mannheimer Risikolängsschnittstudie blieb der Anteil an Vernachlässigungsfällen auch beim Vorliegen mehrerer gravierender sozialer Benachteiligungen stets unter 20 % (Stöhr 1990).

5 Für einen Forschungsüberblick zur hohen Rate an Entwicklungsbelastungen und Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern aus sehr wohlhabenden Bevölkerungsgruppen s. Luthar 2003, Luthar / Latendresse 2005.

6 S. Paxon / Waldfogel 2003, Fein / Lee 2003.

7 Egeland et al. 1980, Engfer 1991, Kotch et al. 1997, Brown et al. 1998.

8 Für eine Forschungsübersicht zu den Auswirkungen von Stress auf das Erziehungsverhalten von Eltern s. Crnic / Low 2002, für eine Studie zum Zusammenhang zwischen Stress und Misshandlungspotenzial s. Rodriguez / Green 1997.

9 Z.B. wird die Aktivierung „informeller Unterstützungsressourcen“ im sozialen Nahraum etwa von Mörsberger 2004a, S. 24, zur Abwehr von Kindeswohlgefährdungen gefordert.

10 Unterschiede in der wahrgenommenen sozialen Unterstützung zwischen Kontrollgruppenfamilien und Familien, in denen es zu Misshandlung, sexuellem Missbrauch und insbesondere Vernachlässigung gekommen ist, haben sich in mittlerweile mehr als zwei Dutzend Studien als relativ robust erwiesen (für eine Forschungsübersicht s. Thompson 1995), allerdings kann soziale Unterstützung sehr unterschiedlich verstanden werden, sodass die vorliegenden Ergebnisse teilweise nur schwer vergleichbar sind (vgl. Frage 70, Fußnote 21).

11 Für Forschungsübersichten s. Thompson 1995, DePanfilis 1996b, Budde/Schene 2004, Lyons et al. 2005.

12 Z.B. Egeland et al. 1988, Simons et al. 1993, Milan et al. 2004.

13 Z.B. McGuigan / Pratt 2001, Ethier et al. 2004, Dixon et al. 2005; vgl. auch Frage 70, Fußnote 19.

14 Für eine Forschungsübersicht s. Kindler / Schwabe-Höllein im Druck.

15 Z.B. Coohey 2004; vgl. auch Frage 29.

16 Z.B. Münder et al. 2000, S. 87 f., Sidebotham et al. 2002, Ethier et al. 2004.

17 Z.B. monotone Tätigkeiten, geringe Arbeitsplatzsicherheit, wenig erfahrene Wertschätzung; für Forschungsarbeiten s. Croan et al. 2002, Strengmann-Kuhn 2003, Weidacher 2004, Crouter / Booth 2004.

18 Für einen Überblick zu familiensystemischer Theorie und dem Forschungsstand s. Cox / Paley 1997, Liddle et al. 2002. Eine deutschsprachige Übersicht gibt Schneewind 1999.

19 Beispielsweise wurde bislang noch nicht überprüft, ob Merkmale des Familiensystems als Ganzes längsschnittlich einen zusätzlichen Beitrag zum Verständnis der Entstehung von Gefährdung leisten können. Auch wurde noch nicht in Interventionsstudien nach einer eingetretenen Gefährdung überprüft, ob Veränderungen in Merkmalen des Familiensystems als Ganzes einen wesentlichen zusätzlichen Beitrag zu positiven Effekten leisten.

20 Gaudin et al. 1996, Howes et al. 2000.

21 Trickett et al. 1991, Gaudin et al. 1996, White et al. 2003.

22 Für eine Forschungsübersicht s. Cottrell / Boston 2002.

23 Z.B. Sroufe / Ward 1980, Sroufe et al. 1993, Shaffer et al. 2004, Jacobvitz et al. 2004.

24 So kritisiert beispielsweise Finkelhor 1986 die spekulativ behauptete Annahme einer familiensystemisch bedingten Ätiologie innerfamiliären sexuellen Missbrauchs vernachlässigender Befunde zu einem hohen Anteil pädophiler sexueller Orientierungen bei InzesttäterInnen ebenso wie Befunde zu anderen ätiologischen Einflüssen in der Lebensgeschichte der TäterInnen.