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18. Was ist über Eltern, die ihre Kinder gefährden, bekannt?

Claudia Reinhold / Heinz Kindler

 

Eltern, die ein Kind misshandelt, vernachlässigt oder missbraucht haben, lösen bei Fachkräften vielfach zunächst Ablehnung und Unverständnis aus. Dies spiegelt sich auch in der Forschung, die anfänglich1 vor allem nach psychischen Erkrankungen bei betroffenen Eltern fragte und damit die Grenze zwischen liebevollen Eltern und Eltern, die das Wohl eines Kind gefährden, stark betonte. In einem weiteren Forschungsschritt wurden dann Lebensgeschichte und Persönlichkeit betroffener Eltern näher untersucht. Zudem wurde versucht, das Geschehen stärker von der familiären und sozialen Situation betroffener Eltern her zu verstehen (vgl. Fragen 19 und 21).

Neuere Forschungen haben sich stark auf die Fürsorgestrategie, kognitive Verzerrungen (z.B. unrealistische Erwartungen an das Kind) und das Verhältnis betroffener Eltern zu ihrer Elternrolle konzentriert. Damit wurde ein weiterer Zugang zum Verständnis der Entstehung von Kindeswohlgefährdungen eröffnet. Nach mehr als vier Jahrzehnten der Forschung liegt ein umfangreiches Wissen über misshandelnde, vernachlässigende und missbrauchende Eltern vor.2 Doch sind immer noch bedeutsame Wissenslücken vorhanden.3

 

Psychische Erkrankungen bei Eltern, die das Kindeswohl gefährden

Eine substanzielle Minderheit 4 von Elternteilen, die das Wohl eines Kindes durch Misshandlung, Vernachlässigung oder Missbrauch gefährden, weist eine oder mehrere psychiatrisch relevante Störungen auf. Bei einigen psychischen Erkrankungen bei Eltern ist das statistische Risiko des Auftretens einer Kindeswohlgefährdung erhöht5 und teilweise erlauben es Befunde, einen ursächlichen Einfluss der psychischen Erkrankung auf das Zustandekommen akuter Gefährdungssituationen nachzuzeichnen.6 Weiter liegen empirisch gut begründete Modelle für das Zustandekommen chronischer Formen der Kindeswohlgefährdung bei einigen Formen psychisch kranker Eltern vor (vgl. Fragen 28 und 30). In der Arbeit des ASD mit Gefährdungsfällen ist aufgrund dieser Situation eine enge Kooperation mit der Erwachsenenpsychiatrie bzw. Suchthilfe erforderlich7 sowie eine Grundinformation der sozialpädagogischen Fachkräfte über psychische Erkrankungen von Eltern und deren mögliche Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung.

 

Lebensgeschichte und Persönlichkeit von Eltern, die das Kindeswohl gefährden

In Fällen von Kindeswohlgefährdung schildert ein hoher Anteil beteiligter Elternteile selbst belastende Erfahrungen mit Misshandlung, Vernachlässigung oder Missbrauch in der eigenen Kindheit.8 Obwohl aus Längsschnittuntersuchungen hervorgeht, dass nur eine Minderheit der Eltern, die in der eigenen Kindheit solche belastenden Erfahrungen machen musste, später das Wohl eigener Kinder gefährdet, stellen in der Kindheit erfahrene ausgeprägte Gefährdungen oder häufige Bindungsabbrüche doch einen ernsthaften Risikofaktor dar.9 Nach gegenwärtigem Wissensstand können derartige belastende Kindheitserfahrungen die Erziehungsfähigkeit von Eltern auf verschiedenen Wegen beeinträchtigen. Ein direkter Vermittlungsweg verläuft über ungünstige innere Beziehungsbilder oder -modelle, die in der Kindheit des Elternteils wurzeln und später die Wahrnehmung des eigenen Kindes und die Bewertung kindlicher Signale beeinflussen, ebenso wie die Gefühle und Reaktionen des Elternteils.10 Ein zweiter, weniger gut belegter, aber ebenfalls relativ direkter Vermittlungsweg scheint über ungünstige Auswirkungen von Misshandlung, Vernachlässigung und Missbrauch auf die Persönlichkeitsentwicklung und psychische Gesundheit zu verlaufen, wobei negative Folgen wie Schwierigkeiten im Umgang mit Ärger oder eine erhöhte Anfälligkeit für depressive Verstimmungen dann im Erwachsenenalter die Erziehungsfähigkeit beeinträchtigen.11 Ein dritter, eher indirekter, aber trotzdem bedeutsamer12 Zusammenhang ergibt sich über Auswirkungen früher Misshandlungs-, Vernachlässigungs- oder Missbrauchserfahrungen auf die Lebens- und Partnerschaftssituation im frühen Erwachsenenalter, die in Gestalt überstürzter Eheschließungen, früher Elternschaft oder eines Schlitterns in gewalttätige Partnerschaftskonflikte auftreten können. Diese belastenden Lebensumstände erhöhen nachfolgend wiederum das Risiko einer Kindeswohlgefährdung. Im Einzelfall können mehrere dieser Vermittlungswege gleichzeitig wirken und sich gegenseitig bestärken. Diskutiert13 wird auch, inwieweit Hintergrundfaktoren, wie etwa die „soziale Vererbung“ von ungünstigen Lebensumständen oder die biologische Vererbung bestimmter Persönlichkeitsmerkmale (z.B. Impulsivität), zum Bild sich über die Generationen wiederholender Kindeswohlgefährdungen beitragen. Obwohl diese Möglichkeit plausibel wirkt, liegen hierfür bislang keine unmittelbar relevanten bestätigenden empirischen Befunde vor.

Da es bei Elternteilen, die das Wohl eines Kindes gefährden, häufig wiederholt zu Gefährdungsereignissen kommt,14 wurde nach einer möglichen Rolle elterlicher Persönlichkeitsmerkmale gefragt. Persönlichkeit lässt sich dabei sehr allgemein als überdauerndes und in vielfältigen Situationen vorfindbares Muster des Wahrnehmens, Empfindens und Handelns einer Person verstehen. Obwohl die Persönlichkeit zum Teil in frühkindlichen Erfahrungen wurzelt, gehen in sie vielfältige Einflüsse ein.15 Daher geht die Frage nach der Rolle von Persönlichkeitsmerkmalen bei der Entstehung von Gefährdung über die Bedeutung der bereits erörterten Aspekte der Lebensgeschichte hinaus.

Als Ergebnis der bisherigen Forschung16 lässt sich festhalten, dass einheitliche Persönlichkeitsmuster bei misshandelnden, vernachlässigenden oder missbrauchenden Elternteilen nicht gefunden wurden.

Allerdings stellen – auch außerhalb des Randbereichs der Persönlichkeitsstörungen17 – einige Persönlichkeitsmerkmale schwach bis moderat vorhersagekräftige Risikofaktoren dar, d.h. es handelt sich um Merkmale, die bei betroffenen Eltern etwas gehäufter auftreten und die im Zusammenspiel mit weiteren Belastungen zu einer Gefährdung führen können. Zu nennen sind hier eine ausgeprägt negative Emotionalität (leichte Auslösbarkeit intensiver negativer Gefühle), eine hohe Impulsivität sowie, vor allem im Hinblick auf Vernachlässigung, eine deutliche Neigung zu einem vermeidenden Bewältigungsstil im Umgang mit Problemen und eine geringe Planungsfähigkeit.18 Im Hinblick auf innerfamiliären sexuellen Missbrauch wurde zudem auf gehäuft vorfindbare antisoziale Persönlichkeitstendenzen, d.h. eine überdauernde Neigung zur Verletzung von sozialen Regeln in unterschiedlichen Situationen, hingewiesen. Eine Rolle spielt in der Diskussion auch der Aspekt der persönlichen Reife, verstanden als Fähigkeit, Bedürfnisse des Kindes und eigene Interessen angemessen ausbalancieren zu können. Besonders im Hinblick auf sehr junge Eltern wurde dieser Aspekt erörtert und die vorliegenden Befunde deuten darauf hin, dass Eltern im Jugendalter nicht nur im Mittel weniger gut auf eine Übernahme der Elternrolle vorbereitet sind,19 sondern in ihrer Fürsorge durch bekannte Risikofaktoren für Misshandlung und Vernachlässigung (z.B. erfahrene Kindeswohlgefährdung in der eigenen Kindheit) auch stärker beeinträchtigt werden, als dies bei älteren und daher vermutlich in der Persönlichkeit reiferen Eltern der Fall ist.20

 

Gedanken und Gefühle zu Fürsorge und Erziehung bei Eltern, die das Kindeswohl gefährden

Als Gruppe unterscheiden sich Eltern, die ein Kind misshandelt, vernachlässigt oder missbraucht haben, deutlich von anderen Eltern im Hinblick auf mehrere Aspekte ihrer Gedanken und Gefühle bezüglich der Versorgung und Erziehung ihrer Kinder. In mittlerweile mehr als 25 Vergleichsstudien aus verschiedenen Ländern wurden u.a. folgende Merkmale bei Eltern, die das Wohl eines Kindes gefährdet hatten, beschrieben:

Die Stärke der gefundenen statistischen Effekte lässt darauf schließen, dass die genannten Merkmale jeweils nicht auf alle Elternteile, die das Wohl eines Kindes gefährdet haben, zutreffen. Die überwiegende Mehrzahl 28 der betroffenen Eltern zeigt aber zumindest in einem oder mehreren der genannten Bereiche Auffälligkeiten. In einer zunehmenden Zahl an Längsschnittstudien29 wurde zudem für einige der genannten Merkmale geprüft, ob sie das erstmalige oder erneute Auftreten von Gefährdung vorhersagen können. Bestätigende Befunde liegen derzeit bezogen auf Vernachlässigung oder Misshandlung insbesondere bezüglich ausgeprägter elterlicher Gefühle der Belastung und des Kontrollverlusts durch das Kind, feindseliger Erklärungsmuster für kindliche Problemverhaltensweisen, unrealistischer Erwartungen an die Selbstständigkeit und Verhaltenssteuerung des Kindes, eines geringen elterlichen Selbstvertrauens und einer überdurchschnittlich ausgeprägten Zustimmung zu harschen Formen der Bestrafung vor. Im Hinblick auf sexuellen Missbrauch liegen noch kaum längsschnittliche Belege für eine ursächliche Rolle der genannten Auffälligkeiten vor.30

 

Beobachtbare Beziehungsfähigkeiten im Umgang mit dem Kind bei misshandelnden und vernachlässigenden Eltern

Auf der Grundlage von mehr als 20 Beobachtungsstudien 31 lassen sich einige Verhaltensmuster bei misshandelnden oder vernachlässigenden Elternteilen beschreiben:

Insgesamt deuten die vorliegenden Studien darauf hin, dass in vielen bis hin zur Mehrzahl der Fälle von Misshandlung und Vernachlässigung betroffene Eltern Einschränkungen in ihren Beziehungsfähigkeiten gegenüber dem Kind aufweisen, die auch in notwendigerweise etwas künstlichen und zeitlich beschränkten Beobachtungssituationen feststellbar sind. Solche Einschränkungen betreffen u.a. die Fähigkeit zum positiven, kindzentrierten Beziehungsaufbau und zur angemessenen erzieherischen Anleitung des Kindes. Natürlich stellen viele der Studien Momentaufnahmen dar, bei denen, je nach Dauer und vorangegangener Gefährdungssituation, auch negative Erwartungen und sich ausbildende Verhaltensstörungen bei den betroffenen Kindern zu Konflikten und problematischen Interaktionsabläufen beitragen. Allerdings sprechen qualitative Studien, die das Verhalten des Kindes bei der Einschätzung elterlicher Interaktionsfähigkeiten methodisch in Rechnung stellen können, sowie längsschnittliche Befunde und die Ergebnisse einer bereits vorliegenden verhaltensgenetischen Studie 36 für einen gewichtigen ursächlichen Einfluss beobachtbarer elterlicher Beziehungsfähigkeiten auf den Verlauf der Eltern-Kind-Beziehungsgestaltung in Fällen von Misshandlung bzw. Vernachlässigung. Diese Fähigkeiten stellen daher wichtige Ansatzpunkte für Erfolg versprechende oder in ihrer Wirksamkeit empirisch bestätigte Interventionen nach Misshandlung bzw. Vernachlässigung dar (vgl. Frage 93). Zum Interaktionsverhalten und den beobachtbaren Beziehungsfähigkeiten von Elternteilen, die ein Kind sexuell missbraucht haben, scheinen derzeit noch keine Untersuchungen vorzuliegen.

 

Weiterführende Literatur

Azar S.T. (2002). Parenting and Child Maltreatment. In M.H. Bornstein (Ed.), Handbook of Parenting. Vol.4: Social Conditions and Applied Parenting (2nd Ed.). Mahwah: Erlbaum, 361-388.

Cerezo M.A. (1997). Abusive Family Interaction: A Review. Aggression and Violent Behavior, 2, 215-240.

Milner J.S. (2000). Social Information Processing and Child Physical Abuse: Theory and research. In R.A. Dienstbier & D.J. Hansen (Eds.), Motivation and Child Maltreatment. Nebraska Symposium on Motivation, 46, Lincoln: University of
Nebraska Press, 39-84.

Ward T. & Keenan T. (1999). Child molesters’ implicit theories. Journal of interpersonal Violence, 14, 821-838.

 

Anmerkungen

1 Unter diesen frühen Arbeiten ist ein Artikel von Steele / Pollock sehr bekannt geworden, der 1974 in dem von Kempe herausgegebenen Band über misshandelte Kinder („The battered child“) veröffentlicht und 1978 ins Deutsche übertragen wurde.

2 Wichtige Übersichtsarbeiten stammen von Azar 2002, Milner 2000, Rogosch et al. 1995, Hillson / Kuiper 1994. In der deutschsprachigen Literatur stammt eine gute, aktuelle Übersichtsarbeit von Bender / Löse 2005; auch ist auf die älteren Bücher von Amelang/Krüger 1995 und Engfer 1986 hinzuweisen.

3 Beispielsweise ist über vernachlässigende Eltern im Verhältnis zu misshandelnden und missbrauchenden Eltern weniger bekannt (Behl et al. 2003), obwohl Vernachlässigung international in allen untersuchten Jugendhilfesystemen die größte Gruppe der Gefährdungsfälle ausmacht. Ebenso wird die Rolle von Vätern in Fällen von Misshandlung und Vernachlässigung erst allmählich näher untersucht (Haskett et al. 1996). Weiterhin bleiben Möglichkeiten einer wirklichkeitsnäheren und praxisbezogeneren Gestaltung der Forschung, z.B. die Berücksichtigung von Untergruppen oder eine effektstärkenorientierte Ergebnisdarstellung noch häufig ungenutzt. Schließlich kommt aus Deutschland im Verhältnis zum angloamerikanischen oder skandinavischen Bereich oder dem Bereich der Benelux-Staaten derzeit nur selten eine methodisch ausgereifte und daher aussagekräftige Forschung.

4 In einer der wenigen hierzu aus Deutschland vorliegenden Studien fanden Münder et al. 2000 in einer Stichprobe von Fällen, in denen ein Verfahren nach § 1666 BGB bei Gericht anhängig wurde, Anteile von 18 bzw. 44 %, bei denen in der betroffenen Familie von der beteiligten ASD-Fachkraft eine elterliche psychische Erkrankung bzw. eine Suchterkrankung gesehen wurde. Auch aus anderen Jugendhilfesystemen wurden substanzielle Anteile psychisch kranker oder suchtkranker Eltern in Gefährdungsfällen gemeldet. In einer englischen Untersuchung fanden beispielsweise Glaser / Prior 1997 bei den Eltern von Kindern, die aufgrund von Misshandlung, Vernachlässigung oder Missbrauch erhebliche Beeinträchtigungen in ihrer Entwicklung erlitten hatten, Anteile von 31 bzw. 26 % mit psychiatrischen Auffälligkeiten oder Suchterkrankungen. Der Befund konnte für verschiedene Informationsquellen (Selbstbericht des Elternteils: z.B. Egami et al. 1996, Einschätzung der sozialpädagogischen Fachkraft: z.B. Glaser / Prior 1997, psychiatrische Untersuchung: z.B. Taylor et al. 1991) und für verschiedene Indikatoren einer Kindeswohlgefährdung bis hin zur Analyse von Todesfällen nach Gefährdungsereignissen bestätigt werden. In einer solchen Analyse von 100 misshandlungsbedingten Todesfällen wies beispielsweise in mindestens 25 % der Fälle der Täter bzw. die Täterin eine psychiatrisch relevante Störung auf (Falkov 1996, für eine aktuelle Forschungsübersicht s. Stroud / Pritchard 2001). Die Höhe des Anteils psychisch erkrankter Eltern in den untersuchten Gefährdungsfällen schwankt allerdings mit der methodischen Anlage der Untersuchung. Beispielsweise finden sich in Studien mit elterlicher Selbstauskunft höhere Anteile als in Studien mit fachkundig durchgeführten psychiatrischen Einschätzungen, evtl. weil betroffene Elternteile ihr Verhalten vor sich selbst vielfach mit einer psychischen Störung rechtfertigen (z.B. Egami et al. 1996).

5 Vgl. Frage 31.

6 Ein solcher Zusammenhang zu akuten Gefährdungssituationen kann sich etwa aus dem Einbezug eines Kindes in ein psychotisches Geschehen ergeben oder aus Ärgerattacken im Rahmen von depressiven Erkrankungen bzw. Angsterkrankungen sowie aus Phasen verminderter Responsivität aufgrund einer Suchtmittelintoxikation (z.B. Anthony 1986, Mammen et al. 2000); vgl. auch Frage 70.

7 Die Notwendigkeit einer verstärkten Zusammenarbeit wird international (z.B. Royal College of Psychiatrists 2002) wie auch in Deutschland (z.B. Deneke 2005, Schone / Wagenblass 2002) von Seiten aller Beteiligten anerkannt und hat aktuell zu einer Vielzahl an entsprechenden Modellprojekten geführt. Erste vorliegende Evaluationen geben im Hinblick auf positive Wirkungen für betroffene Kinder zu vorsichtigem Optimismus Anlass (für Forschungsübersichten s. z.B. Tunnard 2004, Kroll / Taylor 2003), wenngleich die Erreichbarkeit einer Senkung der Rate an Kindeswohlgefährdungen bei Kindern psychisch kranker Eltern ohne gleichzeitige Erhöhung der Rate an Fremdunterbringungen bislang noch kaum geprüft und schon von daher noch nicht nachgewiesen wurde. Auch wurde die in verschiedenen Staaten belegbar unterschiedliche Güte der Zusammenarbeit zwischen Erwachsenenpsychiatrie und Jugendhilfe (vgl. Hetherington et al. 2001) bzw. zwischen Suchthilfe und Jugendhilfe bislang noch nicht zum Anlass für ländervergleichende Effektestudien genommen.

8 Münder et al. 2000 berichten aus einer bundesdeutschen Stichprobe von Fällen, in denen ein Verfahren nach § 1666 BGB bei Gericht anhängig wurde, von einem Anteil von 55 % der Eltern mit nicht näher spezifizierten „frühen Mangelerfahrungen“. Auch in der internationalen Literatur finden sich in Jugendhilfe-Stichproben ähnlich hohe oder sogar noch höhere Anteile an Eltern, die von belastenden Erfahrungen mit Misshandlung, Vernachlässigung oder Missbrauch berichten, und zwar nach Gefährdungsmeldungen allgemein, aber auch spezifisch nach körperlicher Kindesmisshandlung (z.B. Whipple / Webster-Stratton 1991), Vernachlässigung (z.B. Ethier et al. 1995) oder sexuellem Missbrauch (z.B. Craisati et al. 2002). Auch außerhalb der Jugendhilfe fand sich bei Erhebungen in der Bevölkerung ein deutlicher Zusammenhang zwischen dem rückblickenden Bericht von Misshandlung in der Herkunftsfamilie und der Schilderung unangemessener Formen der Bestrafung bzw. Versorgung eigener Kinder (z.B. Wetzels 1997).

9 Für Forschungsübersichten zur intergenerationalen Weitergabe von Formen der Gefährdung des Kindeswohls und der prognostischen Stärke darauf bezogener Risikofaktoren s. Frage 70, Fußnoten 10 bis 12.

10 Dieser Vermittlungsweg wurde vor allem aus den theoretischen Perspektiven der Bindungsforschung (für eine Einführung s. Grossmann et al. 2003) und der sozialen Lern- oder Informationsverarbeitungstheorie (für eine Einführung s. Crick / Dodge 1994) untersucht. In beiden Forschungstraditionen konnte gezeigt werden, dass Kinder, die unter Bedingungen von Misshandlung oder Vernachlässigung aufwachsen müssen, vielfach negativ geprägte innere Beziehungsmodelle oder Beziehungsschemata aufbauen (z.B. Dodge et al. 1995, Toth et al.1997). Weiterhin konnte in Längsschnittstudien belegt werden, dass es bei Eltern, die zu Beginn der Studien solche negativ geprägten Beziehungsmodelle aufwiesen, nachfolgend mit erhöhter Wahrscheinlichkeit zu ungünstigen und konflikthaften Verläufen in der Eltern-Kind-Beziehung kam (z.B. Bugental / Happaney 2004, Milan et al. 2004). Schließlich konnten Interventionen, die auf eine Veränderung negativer, aus der Kindheit stammender Beziehungsschemata abzielten, erfolgreich zur Verringerung des Gefährdungsrisikos eingesetzt werden (für Forschungsübersichten s. Egeland et al. 2000, Spangler 2003).

11 Belege für diesen Vermittlungsweg kommen zum einen aus Längsschnittforschungen mit misshandelten, vernachlässigten oder missbrauchten Kindern, die zum Teil bis ins Jugendalter hinein Schwierigkeiten bei der Kontrolle von Gefühlen wie etwa Ärger ausbilden, dissoziative Symptome zeigen sowie unter einer erhöhten Anfälligkeit für verschiedene Arten von psychischen Störungen, wie etwa Depression, leiden. Bei Eltern wiederum stellen diese Merkmale bekannte, moderat prädiktive Risikofaktoren für Gefährdung dar. In einzelnen Studien ist es in diesem Bereich auch bereits gelungen, Vermittlungszusammenhänge statistisch nachzuweisen (z.B. Dixon et al. 2005 für Depressivität, Egeland / Susman-Stillman 1996 für dissoziative Symptome, DiLillo et al. 2000 für den Umgang mit Ärger).

12 So etwa übereinstimmend die Längsschnittstudien von Dixon et al. 2005 und Sidebotham et al. 2001.

13 Z.B. Bender / Lösel 2005.

14 Forschungsübersichten zum gegenwärtigen Wissensstand bezüglich der Epidemiologie wiederholter Kindeswohlgefährdungen bieten u.a. Fluke / Hollinshead 2002, DePanfilis / Zuravin 1999; vgl. auch Frage 70, Fußnote 25.

15 Für Darstellungen des Forschungsstandes zur Entwicklung von Persönlichkeit s. Block 2002, Magai / Haviland-Jones 2002.

16 Für Forschungsübersichten s. Azar 2002, Goodman et al. 1998, Rogosch et al. 1995.

17 Persönlichkeitsstörungen liegen außerhalb des Bereichs normaler Variation in Persönlichkeitsmerkmalen. Sie werden als psychiatrisch relevante Störungen angesehen und in verschiedene Untergruppen unterteilt. Sowohl im Hinblick auf Misshandlung bzw. Vernachlässigung wie auch im Hinblick auf intrafamiliären sexuellen Missbrauch verschlechtern vorliegende elterliche Persönlichkeitsstörungen die Prognose für betroffene Kinder (z.B. Rutte / Quinton 1984).

18 Die Befundgrundlage besteht aus mehr als einem Dutzend Studien, in denen vor allem misshandelnde und nicht misshandelnde bzw. vernachlässigende und nicht vernachlässigende Eltern miteinander verglichen wurden. Längsschnittstudien sind bislang selten. In einer der wenigen derartigen Arbeiten fanden Pianta et al. 1989 vor allem für eine erhöhte emotionale Labilität und eine anhaltend angespannte negative Gefühlslage langfristig erhöhte Misshandlungs- und Vernachlässigungsrisiken. Ähnliche Befunde wurden von Engfer 1991 aus einer kleineren deutschen Längsschnittstichprobe berichtet.

19 Für Forschungsübersichten zum Fürsorgeverhalten von jugendlichen Eltern s. Moore / Brooks-Gunn 2002. Für eine Studie zur Verbreitung von Risikofaktoren bei jugendlichen Müttern in Deutschland s. Ziegenhain et al. 2003.

20 So etwa Befunde von Milan et al. 2004, De Paul / Domenech 2000.

21 Z.B. Azar et al. 1984, Azar / Rohrbeck 1986, Haskett et al. 2003. Insgesamt liegt derzeit etwas mehr als ein halbes Dutzend Studien zu diesem Aspekt vor. Für misshandelnde Elternteile zeigt sich ein deutliches Bild überfordernder Erwartungen. Bezüglich vernachlässigender Eltern ist das Bild gemischter. Es scheinen sowohl unterfordernde als auch überfordernde Erwartungen vorzukommen, sodass sich insgesamt das Bild wenig reflektierter Erwartungen ergibt. Bei sexuell missbrauchenden Elternteilen zeigen sich Verzerrungen vor allem im Hinblick auf Einschätzungen zur sexuellen Entwicklung des Kindes und zur kindlichen Fähigkeit, im wohlverstandenen eigenen Interesse zu entscheiden (für eine Forschungsübersicht s. Ward et al. 1997).

22 Im Hinblick auf körperliche und emotionale Misshandlung s. etwa Rosenstein 1995, Wiehe 2003. Bezüglich sexuellen Missbrauchs geben Covell / Scalora 2002 einen Forschungsüberblick. Die Befunde sind insgesamt uneinheitlich, was evtl. darauf zurückzuführen ist, dass Empathie meist als Persönlichkeitsmerkmal und nicht bezogen auf ein bestimmtes Kind erhoben wurden. Bei einer beziehungsspezifischen Erhebung traten Empathiedefizite in der Regel deutlicher hervor.

23 In sechs derzeit vorliegenden Studien (z.B. Ethier et al. 1995, Haskett et al. 2003) fand sich bei misshandelnden bzw. vernachlässigenden Elternteilen im Mittel ein ausgeprägtes Erleben von Belastung durch die Versorgung und Erziehung des Kindes. In einer Studie unterschieden sich misshandelnde bzw. vernachlässigende Elternteile im Belastungserleben nicht von einer Kontrollgruppe.

24 Für den Bereich von Misshandlung und Vernachlässigung s. etwa Bugental et al. 1989, Polansky et al. 1992, für den Bereich des sexuellen Kindesmissbrauchs s. Marshall et al. 1997. Relativ einheitliche Befunde ergeben sich, wenn das Selbstvertrauen speziell im Hinblick auf die Bewältigung der Fürsorge- und Erziehungsaufgabe erhoben wird. Etwas uneinheitlicher werden die Befunde, wenn das allgemeine Selbstvertrauen herangezogen wird. Generell wird angenommen, dass ein niedriges Selbstwertgefühl aggressive bzw. sexualisierte Übergriffe oder einen Rückzug von Erziehungsanforderungen begünstigt. Die Befunde divergieren aber aus mehreren Gründen: Zum einen beschreiben Baumeister et al. 1996 eine besondere Gruppe von Personen mit einem unrealistisch überhöhten Selbstwertgefühl. Ereignisse, die den Selbstwert bedrohen (z.B. Kind lässt sich nicht beruhigen), können bei solchen Personen aggressive Abwehr auslösen, obwohl ihr Selbstwert bei einfachen Erhebungsverfahren generell als hoch angesehen wird. Auch beim sexuellen Missbrauch werden Tätergruppen mit generell eher niedrigem Selbstwertgefühl und welche mit augenscheinlich sehr hohem Selbstwertgefühl beschrieben.

25 Negative Verzerrungen in der Wahrnehmung des Kindes und eher feindselige Erklärungsmuster für kindliche Problemverhaltensweisen (z.B. Kind verhält sich absichtlich in dieser Weise) wurden in etwa einem Dutzend Studien (z.B. Larrance / Twentyman 1983, Haskett et al. 2003) deutlich häufiger bei misshandelnden Elternteilen im Vergleich zu Kontrollgruppen beobachtet. Für vernachlässigende Eltern liegen weniger Studien vor und Unterschiede zu Kontrollgruppen traten weniger deutlich hervor. Eine besondere Art der verzerrenden Zuschreibung von Ursachen und Motiven findet sich bei einem Teil sexuell missbrauchender Elternteile in Form zugeschriebener Verantwortung und Initiative bezüglich sexueller Handlungen an das Kind (für eine Forschungsübersicht s. Ward et al. 1997).

26 Vor allem bei körperlich misshandelnden Elternteilen zeigten sich hier in etwa einem halben Dutzend vorliegender Untersuchungen (z.B. Trickett / Susman 1988, Caselles / Milner 2000) häufiger als in Kontrollgruppen rigide und harsche Erziehungs- bzw. Strafvorstellungen. Über die Erziehungsvorstellungen vernachlässigender Elternteile ist eher wenig bekannt. Bei sexuell missbrauchenden Elternteilen treten fallbezogen häufig gravierende Fehleinschätzungen der Folgen für das betroffene Kind bzw. die betroffenen Kinder auf, selbst wenn allgemein schädliche Folgen von sexuellem Missbrauch eingeräumt werden.

27 Einschränkungen in der Bereitschaft oder Fähigkeit, eigene Bedürfnisse zugunsten kindlicher Bedürfnisse zurückzustellen, wurden mehrfach, allerdings mittels sehr unterschiedlicher Verfahren, bei vernachlässigenden und misshandelnden (z.B. Newberger / Cook 1983, Wiehe 2003) sowie bei missbrauchenden Elternteilen (z.B. Ward / Keenan 1999) festgestellt.

28 In der Studie von Haskett et al. 2003 traf dies beispielsweise auf 75 % der untersuchten misshandelnden Elternteile zu.

29 Vgl. Engfer 1991, Christensen et al. 1994, Baird et al. 1995, Windham et al. 2004, Bugental / Happaney 2004, Slack et al. 2004, Dixon et al. 2005 b.

30 In der Meta-Analyse von Hanson / Brussiere 1998 konnte die Vorhersagekraft kognitiver und emotionaler Faktoren für die Rückfallhäufigkeit nicht bestätigt werden. Allerdings wurden diese Faktoren in den damals verfügbaren Studien oft auch nicht sehr gründlich erhoben. In neueren Einzelarbeiten (z.B. Thornton et al. 2004) zeigt sich teilweise eine Bedeutung dieser Faktoren für den weiteren Verlauf, jedoch liegen für eine Neubewertung der Befundlage noch nicht genügend zusätzliche Studien vor.

31 Eine Forschungsübersicht gibt Cerezo 1997. Seitdem sind allerdings einige weitere Studien, u.a. von Pears / Capaldi 2001, Timmer et al. 2002, Lorber et al. 2003, Dixon et al. 2005 b, erschienen. Zudem wurden von Cerezo 1997 einige Beobachtungsstudien aus dem Bereich der Bindungsforschung (z.B. Pianta et al. 1989, Lyons-Ruth et al. 1997) übersehen. Aus Deutschland stammen Studien von Esser / Weinel 1990 sowie Engfer 1991.

32 In Anwesenheit einer beobachtenden Person oder einer Fachkraft stellt ein deutlich feindseliges, herabsetzendes oder gar aggressives Verhalten einem Kind gegenüber in der absoluten Häufigkeit auch bei misshandelnden Eltern ein relativ seltenes Ereignis dar. Ebenso natürlich bei nicht misshandelnden Eltern. Im Vergleich zwischen misshandelnden und nicht misshandelnden Eltern ist die Rate solch negativer Verhaltensweisen aber im Mittel der Untersuchungen in der Misshandlungsgruppe zwei- bis fünffach erhöht (z.B. Loeber et al. 1984, Cerezo / D’Ocon 1995), was einem bemerkbaren Unterschied bzw. einem moderaten bis starken statistischen Effekt entspricht. Noch deutlicher treten Unterschiede hervor, wenn Interaktionsabfolgen betrachtet werden. Hier zeigt sich, dass misshandelnde Eltern zwar häufig, aber oft inkonsistent (z.B. Cerezo / D’Ocon 1995) und zu schlecht gewählten Zeitpunkten (z.B. Crittenden / Bonvillian 1984) Grenzen setzen, in den sich ergebenden Konflikten mit dem Kind schneller und massiver negativ reagieren (z.B. Timmer et al. 2002), sich aber trotzdem nur schlecht durchsetzen können (z.B. Reid et al. 1981), was dann ein weiter eskalierendes Konfliktverhalten begünstigt.

33 Z.B. Crittenden / Bonvillian 1984, Esser / Weinel 1990, für eine Forschungsübersicht s. Rogosch et al. 1995.

34 Cerezo 1997 fasst den Forschungsstand zu Interaktionsmustern bei vernachlässigenden Eltern in ähnlicher Weise zusammen (S. 225). Als Beispiel für eine entsprechende Studie, in der eine Anleitungssituation beobachtet wurde, lässt sich Burgess / Conger 1978 anführen.

35 Je mehr die Qualität, also die situationsabhängige Angemessenheit, des elterlichen Verhaltens eingeschätzt wird, desto deutlicher treten Unterschiede hervor, die sich zudem in mehreren Studien auch längsschnittlich nachweisen ließen (z.B. Crittenden / Bonvillian 1884, Pianta et al. 1989, Engfer 1991).

36 Vgl. Jaffee et al. 2004b.