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13. Was brauchen Kinder, um sich altersgemäß entwickeln zu können?
Kinder und Jugendliche haben das Recht auf eine individuelle, personale und soziale Entwicklung; das heißt, sie haben das Recht zu wachsen, zu lernen und zu gedeihen, ihre Persönlichkeit zu entfalten und sich damit zu emotional stabilen, eigenständigen, einfühlsamen und sozial verantwortlichen Persönlichkeiten zu entwickeln (vgl. Art. 2 Abs. 1 i.V.m. Art. 1 Abs. 1 GG und die UN-Kinderrechtskonvention).1 Die wesentliche Grundvoraussetzung für eine positive Persönlichkeitsentwicklung wird in der Erfüllung kindlicher Grundbedürfnisse gesehen. Diese wird durch bestimmte Formen der Fürsorge, Betreuung und Erziehung sowie Erfahrungen in und mit der Umwelt ermöglicht. Die Konkretisierung der Bedürfnisse ist theoretisch durch in unserer Gesellschaft geformte Menschenbilder und insbesondere durch Bilder von Kindern und Kindheit sowie empirisch teilweise durch natürliche Experimente begründbar.2 Diese lassen sich durch wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Entwicklungspsychologie präzisieren.
Im Folgenden werden drei basale kindliche bzw. menschliche Bedürfnisse näher bestimmt und der Zusammenhang zwischen ihrer Erfüllung und der altersgemäßen Entwicklung beschrieben:3
Die Grundbedürfnisse stehen miteinander in Zusammenhang und sind in ihrer Wirkung voneinander abhängig. Sie können als gleichwertig und grundlegend angesehen werden. In den unterschiedlichen Entwicklungsstadien eines Kindes kann den verschiedenen Grundbedürfnissen jedoch unterschiedliche Bedeutung zukommen.
Das Verhältnis von Fürsorge und Autonomie hinsichtlich der Befriedigung der verschiedenen Bedürfnisse verändert sich im Verlauf der Entwicklung. Es muss diesbezüglich immer wieder eine neue Balance gefunden werden: In der frühen Kindheit benötigt ein Kind viel Fürsorge und wenig Autonomie, im Jugendalter ist dieses Verhältnis eher umgekehrt. Auf der Grundlage der Feinfühligkeit von Bezugspersonen, womit die angemessene Wahrnehmung und Beachtung der kindlichen Signale in der Beziehungsgestaltung bezeichnet wird, kann sich am besten eine reife Autonomie entwickeln, die es dem Kind ermöglicht, das zu tun, was es selbst kann, und bei Überforderung auch offen Hilfe zu suchen.4
Das Bedürfnis nach Existenz
Die einzelnen Bedürfnisse, die in diese Kategorie eingeordnet werden, stellen die Voraussetzungen zum Leben und Überleben dar. Sie beinhalten die körperliche Unversehrtheit, Sicherheit und Versorgung.
Zu den Voraussetzungen für eine gesunde körperliche und geistige Entwicklung zählen im Kontext dieses Bedürfnisses
In den ersten Lebensjahren müssen Ernährung, Pflege und Schutz vor Gefahren von den Bezugspersonen garantiert werden, da sich Säuglinge und Kleinkinder de facto nicht selbstständig darum kümmern können. Sie äußern ihre Bedürfnisse nach körperlicher Unversehrtheit, Schutz und Regulation in Weinen oder Unruhe. Mit steigendem Alter ändern sich nicht nur Bedürfnisse, sondern auch Signale (vor allem durch die Entwicklung der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit), Möglichkeiten der wechselseitigen Zielkorrektur und die Fähigkeit zur „Selbsterfüllung“ bestimmter Bedürfnisse wächst an.
Das Bedürfnis nach sozialer Bindung
Das Bedürfnis nach sozialer Bindung ist von Natur aus ein Grundbedürfnis von Kindern und auch Erwachsenen.5 Dieses Bedürfnis wird grundlegend durch das Heranwachsen des Kindes in einer beständigen und liebevollen Beziehung zu mindestens einer Bezugsperson erfüllt – einer Beziehung, die sich durch Nähe, Empathie, Verfügbarkeit und Verlässlichkeit der Bezugsperson(en) auszeichnet. Dabei werden die Beziehungen in Abhängigkeit von dem individuellen Kind, seinem Temperament, seiner Gefühlsregulation und Ausdrucksfähigkeit (mit)gestaltet, was ausreichend und angemessen berücksichtigt werden muss.6 In den ersten Lebensjahren geht das Kind Bindungen zu den Personen ein, die seine körperlichen und psychischen Bedürfnisse regelmäßig befriedigen. Diese Bindungen sichern das Überleben und stellen Erfahrungen dar, die das zukünftige Bindungsverhalten und den Umgang mit anderen Menschen mitbestimmen.7 Sie ermöglichen auch die Weitergabe von Wissen und Fähigkeiten. Positive Bindungen erleichtern die Exploration und fördern damit auch die geistige Entwicklung, indem sie Konstanz und Verlässlichkeit sicherstellen sowie Konzentration und Aufmerksamkeit ermöglichen (Regulation).8
Das kindliche Beziehungs- und Bindungsverhalten wandelt sich im Laufe der Entwicklung und erfordert die elterliche Anpassung. Mit zunehmendem Alter wendet sich das Beziehungsinteresse des Kindes auch den Gleichaltrigen zu. Im Jugendalter können sich enge Freundschaften zu Bindungen weiterentwickeln.9 Ähnlich wie bereits oben beschrieben, ist auch hier die zunehmende Ablösung und Abgrenzung von den Eltern bzw. den Bezugspersonen nicht mit einem Abbruch und einer Beendigung der Beziehungen zu verwechseln. Die frühen Beziehungen bieten dem Heranwachsenden als „Basisstation“ Rückzugsmöglichkeit und Unterstützung.
Als größerer Rahmen kann dem Bedürfnis nach sozialen Beziehungen und Verbundenheit das Bedürfnis nach Zugehörigkeit, nach stabilen, unterstützenden Gemeinschaften und nach kultureller Kontinuität zugeordnet werden. Soziale Kontakte, faire, durchschaubare und respektvolle gemeinschaftliche Verhältnisse und gemeinschaftlich getragene Werte und Normen, aber auch die Auseinandersetzung mit anderen und die Akzeptanz anderer können die Entwicklung der Persönlichkeit und von sozialer Verantwortung unterstützen.
Das Bedürfnis nach Wachstum
Um sich geistig und auch körperlich entwickeln zu können, muss das Bedürfnis nach kognitiven, emotionalen, ethischen und sozialen Anregungen und Erfahrungen erfüllt werden. Das aktive, selbstmotivierte und seine Entwicklung mit vorantreibende Individuum braucht die Interaktion mit einer aktiven, erfüllenden oder fordernden Umwelt. Anregungen und Anforderungen an kindliche Fähigkeiten und Fertigkeiten wirken sich dabei umso positiver aus, je mehr sie sich am Entwicklungsstand des jeweiligen Kindes orientieren.
Der Wissens- und Forscherdrang von Kindern und Jugendlichen schließt gleichermaßen die Bedürfnisse nach Spiel und Leistung ein.10 Durch Ermutigung und angemessene Stimulierung unterstützen die Bezugspersonen das Explorationsverhalten. Kinder und Jugendliche brauchen Erfahrungsräume, in denen sie selbstständig üben und sich unter Beweis stellen können. In ihnen benötigen sie zum einen Struktur und Halt durch Bezugspersonen wie auch berechenbar gesetzte Grenzen. Daneben gilt es insbesondere, in den Zusammenhängen von Erwartungen, Leistung, Übung, Verantwortungsbewusstein und Forderungen das Bedürfnis des Kindes bzw. Jugendlichen nach Lob und Anerkennung angemessen und ausreichend zu erfüllen. Bereits Säuglinge und Kleinstkinder wollen und benötigen für ihre Entwicklung eine anregungsreiche materielle (z.B. Mobile, Spielzeug etc.) und soziale Umwelt. Dabei ist es für die Entwicklung günstig, vom einzelnen Kind und nicht von altersgebundenen allgemeinen Vorgaben auszugehen. Sowohl ständige Über- als auch Unterforderung wirken sich altersunabhängig negativ aus. Die Möglichkeit zur Teilhabe an ausgewählten Aktivitäten der Erwachsenen und zu möglichst selbstständigen Versuchen der Bewältigung unterschiedlicher Aufgaben und Probleme in gestalteten Erfahrungsräumen sowie die Anerkennung dieser Leistungen ist in jeder Altersstufe für eine positive Selbstkonzept- und Selbstkompetenzentwicklung wichtig.11
Zum Verhältnis von Macht und Abhängigkeit
Kinder sind von der Erfüllung der Bedürfnisse durch die Bezugspersonen abhängig, in bestimmten Altersphasen diesen sogar ausgeliefert. Erst mit steigendem Alter lernt das Kind, eigene Bedürfnisse zurückzustellen und aufzuschieben (Frustrationstoleranz) sowie sich auch selbst um die Bedürfnisbefriedigung zu kümmern. Es bedarf dann vermehrter Aushandlungsprozesse, welche Bedürfnisse wie und von wem erfüllt werden. Im Rahmen wechselseitiger, wenngleich nicht symmetrischer Zielkorrektur muss eine Balance zwischen der Erfüllung der einzelnen Bedürfnisse der beteiligten Personen in der Familie gefunden werden.
Die Abhängigkeit von Kindern und Jugendlichen auf der einen Seite und die Macht von Bezugspersonen auf der anderen Seite erfordert Leitbilder positiver Autorität12 in der Gesellschaft und eine gesellschaftliche Sensibilität gegenüber möglichen Formen von Machtmissbrauch.
Erfüllung kindlicher Bedürfnisse: die Einschätzung
Um im Rahmen der Sozialen Arbeit die einzelnen kindlichen Bedürfnisse und das Ausmaß ihrer Erfüllung erkennen und einschätzen zu können, wurde ein Bewertungsschema13 entwickelt, das die Kategorisierung in drei Basisbedürfnisse erweitert. Dadurch soll eine detaillierte, differenzierte und individuelle Beschreibung der kindlichen Bedürfnisbefriedigung zu einem gegebenen Zeitpunkt unterstützt werden. Das Schema kann für unterschiedliche Bezugspersonen (Mutter, Vater, Großmutter etc.) des Kindes eingesetzt werden und bietet Hinweise, wie die einzelnen Bedürfnisse durch diese verschiedenen Personen in unterschiedlichen Lebensräumen erfüllt werden. Weiterhin erlaubt das Schema Erhebungen zu verschiedenen Zeitpunkten und damit Aussagen zu den Entwicklungen und/oder Veränderungen in den verschiedenen Bedürfniskategorien.
Weiterführende Literatur:
Brazelton
T. B. & Greenspan S. I. (2002). Die sieben Grundbedürfnisse von
Kindern. Was jedes Kind braucht, um gesund aufzuwachsen, gut zu lernen und glücklich
zu sein. Weinheim und Basel: Beltz.
Largo R. H. (2000). Babyjahre. Die frühkindliche
Entwicklung aus biologischer Sicht. Das andere Erziehungsbuch. München, Zürich:
Piper.
Largo R. H. (1999). Kinderjahre. Die Individualität
des Kindes als erzieherische Herausforderung. München, Zürich: Piper.
Anmerkungen
2 Vgl. Brazelton / Greenspan 2002, Rutter et al. 2004, Haugaard / Hazan 2003, Zeneah et al. 2003, Maclean 2003, O’Connor 2003.
3 Die Kategorisierung der Bedürfnisse ist angelehnt an die Einteilung der Basis-Bedürfnisse von Alderfer 1972. Die Basisbedürfnisse stellen übergeordnete Bedürfniskategorien dar, denen einzelne Bedürfnisse aus feiner untergliederten Zusammenstellungen kindlicher Bedürfnisse zugeordnet werden können (Brazelton / Greenspan 2002, Kellmer 1979, Maslow 1981, Largo 1999, 2000).
11 S. Rogoff 1990 und Gauvain 2001.
12 S. Sennett 1985 und Baumrind 1971.
13 Im DJI-Projekt „Kindeswohlgefährdung und ASD“ wurde das Einordnungsschema zur „Erfüllung kindlicher Bedürfnisse“ entwickelt.